Dewarim

Paraschat HaSchawua
Der wöchentliche Toraabschnitt
Kommentiert von Nechama Leibowitz

Sefer Dewarim - Buch Dewarim

Sidra WeSot HaBracha - Moses: Der Mann Gottes

Die letzte Sidra der Torah enthält Moses' Abschiedssegen an die Stämme, an das ganze Volk und den Bericht seines Todes und Begräbnisses.
Im Eröffnungsvers wird Moses ein Titel verliehen, den er nirgends zuvor in der Torah erhält:

Und dies ist der Segen, mit welchem gesegnet hat Moscheh, der Mann Gottes, die Kinder Israel vor seinem Tode.
(33, 1)

Einige Kommentatoren betrachten diesen Titel als Betonung des prophetischen Ursprungs und der Kraft seiner Worte. Dass sie nicht nur aus seinem Munde kommen, sondern von der göttlichen Autorität eingegeben wurden. Dies ist die Ansicht Ibn Ezras. Von anderen Kommentatoren, u. a. von Hirsch, wird ein anderer Standpunkt eingenommen. Der Titel bedeutet, dass es im Gegenteil Moses' eigene Worte waren, die Worte eines Hirten, der sich von seinem Volk verabschiedet, in Unterscheidung zum Gesang, den er seinem Volk in Ha'asinu lehrte und zum Rest seiner Reden in der Torah, die - wie oft festgestellt wird - "gemäss dem Munde des Ewigen" waren. Aus diesem Grund unterstreicht die Torah die Tatsache, dass, obwohl es Moses war, der diese Worte sprach, trotzdem daran erinnert werden soll, dass er der "Mann Gottes" war.
Der Autor des Kommentars Ha-Emek Davar sieht eine Verbindung zwischen dem Titel "Mann Gottes" und dem Zeitpunkt. Moses erhält diesen Titel kurz vor seinem Tode:
Kurz vor seinem Tod wurde in Moses eine göttliche Flamme entzündet. Wie eine flackernde Kerze, die vor dem Niederbrennen in eine helle Flamme ausbricht, so erhebt sich die Seele des Gerechten vor dem Abschied von der Welt und dem Eintreten ins Jenseits mit einem spirituellen Schwung im Einklang mit der eigenen ätherischen Natur ... Moses erreichte damals den höchsten Grad spiritueller Vollendung.

Moses erhält in dieser letzten mit ihm assoziierten Handlung einen weiteren Titel, der bereits vorher vom Allmächtigen verwendet worden war, als er Miriam und Aaron zuruechtwies, da sie schlecht über Moses gesprochen und ihn mit sich selbst verglichen hatten. Damals nannte ihn Gott "mein Knecht Moses" (Numeri 12, 7), was die höchste Ehre darstellte, die ihm gezollt werden konnte:
Und es starb daselbst Moscheh, der Knecht des Ewigen.
(34, 5)

Derselbe Titel wird ihm im Buch Josua verliehen, als Gott Josua die Führung Israels anvertraut:
Moscheh, mein Knecht, ist tot.

Es gibt einen Reichtum an Legenden des Midrasch, die mit Moses' letzten Augenblicken verbunden sind, als er die bedrohliche Vorhersage vernahm: "Siehe, deine Tage nahen dem Tode". Diese Legenden schildern besonders sein Flehen zum Ewigen, ihn vom Schicksal aller Menschen zu befreien oder es aufzuschieben. Wir zitieren hier einen Auszug aus dem Midrasch zu unserer Sidra:
Rabbi Pinchas sagte: Als Moses diese Welt verlassen sollte, sprach Gott zu ihm: "Siehe, deine Tage nahen dem Tode." Moses erwiderte: "Herr der Welt, nach all meinen Mühen sagst du mir: Siehe, deine Tage nahen dem Tode? (Deut. 31, 14) "Ich werde nicht sterben, ich lebe, und künden will ich die Taten des Ewigen." (Psalm 118, 17) Darauf sagte Gott: "Du kannst nicht die Oberhand gewinnen: "Denn das ist die Pflicht jedes Menschen" (Eccl. 12, 13). Moses sagte dann: "Bevor ich sterbe, erbitte ich eine Gunst: wenn ich in das Jenseits eingehe, sollen alle Tore des Himmels offen stehen für sie, um zu sehen, dass niemand ausser dir ist, Warum dies? Denn es heisst: "So sollst du denn heute erkennen und zu Herzen nehmen, dass der Ewige der Gott ist in dem Himmel droben und auf Erden hier unten und keiner sonst (Deut. 4, 39). Darauf erwiderte Gott: Du erklärst: "Und keiner sonst (od)." Ich sage auch: "Und es stand fortan (od) nicht auf ein Prophet in Israel wie Moscheh (Deut. 34, 10).
(Dewarim Rabbah 11, 5)

Hier bittet Moses nicht darum, das Heilige Land sehen zu dürfen, Israel hinein zu führen oder seine Schlachten zu schlagen. Er möchte seine Tage verlängern, um die "Taten des Ewigen zu künden" und, falls ihm das nicht gewährt werden kann, möge ihm noch ein letztes, grosses Wunder möglich sein, das allen die Augen öffnen solle, um zu erkennen, dass keiner sonst ist als der Ewige. Mit anderen Worten: Moses, der die menschliche Natur verstand, der wusste, obwohl die Israeliten die Plagen in Ägypten gesehen hatten, den Auszug aus dem Exil, die Wunder des Roten Meeres und ihre vierzigjährige Wanderung in der Wüste, das Man, Wachteln, die Wolken- und die Feuersäule und, vor allem, die Offenbarung am Sinai, war sich dessen bewusst: "Denn ich weiss, nach meinem Tode, wenn ihr ausartet und weichet von dem Wege ... (Deut. 31, 29). Daher erbat er sich eine Gunst, es solle ihm eine letztes Wunder gewährt werden, um seinem Volk eine wahre Auffassung von der exklusiven Allmacht der göttlichen Existenz zu geben:
Es sollen alle Tore des Himmels offen stehen für sie, um zu sehen, dass niemand ausser dir ist, Warum dies? Denn es heisst: "So sollst du denn heute erkennen und zu Herzen nehmen, dass der Ewige der Gott ist in dem Himmel droben und auf Erden hier unten und keiner sonst."

Was bedeutet die göttliche Antwort, das Spiel mit dem Wort "sonst" (od)? Ich sage auch "Und es stand fortan (od) nicht auf ein Prophet in Israel wie Moscheh." Gott antwortet, dass Moses' Bitte bereits beigepflichtet wurde, so weit wie möglich, ohne in den freien Willen des Menschen einzudringen. Es gibt keine klarere Offenbarung Gottes als die Torah selbst, "Torat Moscheh":
Nach allem Zeichen und Wundern, die ihn der Ewige gesandt, auszuführen im Lande Mizrajim an Pharaoh, und an allen seinen Dienern, und an seinem ganzen Lande. Und nach aller starken Macht und nach allem Grossen und Furchtbaren, das Moscheh ausgeführt vor den Augen des ganzen Israel.
(Schluss von Deuteronomium)

Was Moses erbat, war bereits gewährt worden. Alle Tore des Himmels waren geöffnet worden und "Dir ist gezeigt worden, dass du erkennest, dass der Ewige der Gott ist, keiner sonst ausser ihm" (Deut. 4, 35).
Derselbe Gedanke, dass unsere Torah das höchste Beispiel göttlicher Offenbarung vor der Menschheit ist, wird in der Lobrede des Psalmisten auf die Torah ausgedrückt:
Vollkommen ist die Weisung des Ewigen, sie labet die Seele. Das Zeugnis des Ewigen ist verlässlich, weise macht es den Toren. Die Befehle des Ewigen sind gerade, sie erfreuen das Herz; lauter ist sein Gebot, es erleuchtet das Auge.
(Ps. 19, 8 - 9)

Im Unterschied zur spirituellen Klarheit der göttlichen Offenbarung in der Torah, das Auge erleuchtend, besteht das Ende Moses', das darin beschrieben wird, aus einem geheimnisvollen und unbekannten Kapitel:
Und er begrub ihn im Tale des Landes Moab, gegenüber Bet Peor, und niemand kennt die Grabstätte bis auf diesen Tag.
(34, 6)

Das Subjekt des Satzes "Und er begrub ihn ..." ist mysteriös und unerklärt, ein Eindruck, der durch das Ende des Verses "und niemand kennt die Grabstätte bis auf diesen Tag" noch verstärkt wird.
Man beachte, dass es nicht heisst "Kivro" - "seine Grabstätte", sondern "Kevurato" - sein "Begraben", was sich auf Art und Ort seines Begräbnisses bezieht.
Der Kommentar des Ralbag (Rabbi Levi ben Gerschon, Gersonides) zu diesem Vers ist besonders einleuchtend und klingt am meisten plausibel von allen Kommentaren zu diesem Thema:
Es ist tatsächlich ein seltsames Phänomen, dass die Torah so bemüht ist, den exakten Ort von Moses' Grab zu beschreiben: "im Tale des Landes Moab, gegenüber Bet Peor". Trotzdem dachte es sich der Ewige so aus, dass kein Mensch seine Grabstätte kennt, damit kommende Generationen nicht irre gehen und ihn als Gottheit verehren.

Weiterführende Fragen

  1. Ralbag setzt das vorige Zitat folgendermassen fort:
    Wir mögen auch beobachten, dass sie hinsichtlich der kupfernen Schlange, die Moses herstellte, irrten, wegen des berühmten Charakters des Herstellers (siehe auch 2 Könige 18, 4). Eine solche Entwicklung musste ausgeschlossen werden, dass der Ewige ihn auf diese mysteriöse Weise begrub, unberührt von Menschenhand.

    1. Wo finden wir in Torah und Talmud Ausdrücke dieser Tendenz, die Möglichkeit der Vergötterung von jüdischen Heiligen durch spätere Generationen zu verhindern?
    2. Welche unübliche Formulierung im Text wird durch Ralbags Zugang wegerklärt?
  2. Und es starb daselbst Moscheh, der Knecht des Ewigen, im Lande Moab, auf Befehl des Ewigen.
    (34, 5)

    1. Was ist der Punkt der geographischen Information, das er im Lande Moab begraben wurde? Wir wissen sicher, dass Moses zu dieser Zeit im Lande Moab war (aus Deut. 1, 5; 32, 49; 34, 6)?
    2. Ibn Ezra kommentiert diese Stelle: "selbst noch im Sterben war er der seinem Herrn gehorsame Knecht." Was veranlasste diesen Kommentar von Ibn Ezra?
    3. Zur Phrase "auf Befehl des Ewigen" bemerkt Ibn Ezra:
      Da er ihm gesagt hatte (ebda 32, 50) "Und stirb auf dem Berge!" Von Aaron heisst es ebenso (Numeri 33, 38): "auf Befehl des Ewigen." Vergleiche auch Numeri 9, 23: "Auf Befehl des Ewigen lagerten sie, auf Befehl des Ewigen brachen sie auf ..."
      Welche Schwierigkeit fand Ibn Ezra im Text, die Anlass zu diesem Kommentar gab?

Haftara zu WeSot haBracha: Josua I



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