Dewarim
Paraschat HaSchawua
Der wöchentliche Toraabschnitt
Kommentiert von Nechama Leibowitz
Sefer Dewarim - Buch Dewarim
Sidra Nitzwaim - Wir waren alle am Sinai
Und nicht mit euch allein schliesse ich diesen Bund und diesen Vereidigungsfluch; Sondern so mit dem, der heut hier mit uns ist, stehend vor dem Ewigen, unserm Gotte, als mit dem, der heut hier nicht mit uns ist.
(28, 13 - 14)
Dieser Vers konfrontiert uns mit einer schwierigen Frage. Wie kann ein Bund, der in jenen längst vergangenen Tagen geschlossen wurde, dazu fähig sein, alle künftigen Generationen zu verpflichten? Abravanel erzählt uns in seinem Torahkommentar, wie er mit den Weisen seiner Generation im Königreich Aragon wegen dieses Bundes und des Textes, den wir zitierten, stritt. Abravanel formuliert die Frage so:
Wer gab der Generation der Wüstenwanderung, die am Fusse des Sinai stand, die Macht, alle, die nach ihnen kommen würden, zu verpflichten, ihre Äusserung "Wir werden tun und hören!" anzunehmen? Sie verpflichteten sie durch alle Worte der Torah und des Bundes und der Strafen für die Verletzung ihrer Inhalte. Dies ersehen wir aus diesem Text und wo immer die Weisen des Talmuds die Phrase "aber sicherlich ist dies durch die Offenbarung am Sinai eine a priori Verpflichtung" verwenden. Dies ist sicherlich keine legitime Verpflichtung.
Hier ist Abravanels Antwort auf diese Frage:
Wenn jemand ein Darlehen empfängt, ist es zweifellos so, dass er und seine Nachkommen die Verpflichtung zur Rückzahlung haben. So wie die Kinder das Eigentum des Vaters erben, erben sie auch seine Schulden. Auch wenn die Kinder nicht am Leben waren, als die Schulden gemacht wurden, sind sie dennoch verpflichtet, sie zurück zu zahlen.
Ähnlich verlieh der Ewige Israel ein Privileg, und sie standen in seiner Schuld, da er sie aus der Knechtschaft in Ägypten führte, wie es heisst: denn die Kinder Israel sind mir Knechte, sie sind Meine Knechte, die ich aus Ägypten herausführte. So wie er sich einen Anspruch auf ihre Körper erwarb, erwarb er sich auch einen Anspruch auf ihre Seelen, denn er verlieh ihnen spirituelle Vollendung durch sein Gesetz. Daher schloss er mit ihnen seinen ersten Bund, als er sie aus Ägypten brachte. ... Die Kinder Israel erwiderten bei dieser Gelegenheit: "Wir werden tun und hören". Dies bedeutet, dass sie ihm mit ihren Körpern dienen, wie Knechte ihren Herrn, und dass sie mit ihren Seelen hören und an ihn glauben, wie Schüler ihrem Lehrer. In der Folge wollte ihnen Gott eine zusätzliche Gnade verleihen - das Heilige Land, was einen weiteren Bund notwendig machte, da sich der erste nur darauf bezog, ihre Körper zu unterwerfen und sich ihrer spirituellen Loyalität zu versichern. Dieser Bund betonte: "Denn nicht mit eigenem Schwerte haben sie erobert das Land" (Psalm 44, 4). Sie würden es auch nicht als Erbe von ihren Vorfahren empfangen, sondern der Ewige hatte es ihnen gegeben, nicht als Geschenk, sondern als Darlehen, als Pfand, wie es heisst (Leviticus 25, 23): "Und das Land soll nicht (so) verkauft werden, dass es verfallen bleibe; denn mein ist das Land." Sie würden die Verpflichtung haben, dem Herrn des Landes zu dienen, niemals mehr einen anderen Gott zu verehren. Denn dies wäre Rebellion und Meuterei.
Dieser Bund beinhaltete daher, dass dieses Volk auf ewig dem Ewigen Knecht sein sollte, und niemals frei von seinem Joch. Dies ist daher die Bedeutung des Diktums der Weisen, dass jeder Jude a priori durch die Offenbarung am Sinai gebunden ist, denn damals wurden sie in den Dienst des Ewigen gestellt. Und alle ihre Nachkommen teilten diesselbe Verpflichtung und Unterwerfung, von der sie niemals befreit werden.
Hinsichtlich des Körpers, der Seele und des Landes, das sie bewohnten, waren die Kindern in den Bund, den ihre Väter akzeptiert hatten, inkludiert. Dies war nicht wegen des Eides, den sie geleistet hatten, sondern kraft der Knechtschaft, in die sie durch den Exodus eingetreten waren, und kraft der Torah, die sie als Pfand empfangen hatten und kraft des Gelobten Landes, das ihnen als Darlehen gegeben worden war.
Darauf bezogen sich unsere Weisen im Midrasch Tanhuma zu dieser Sidra, als sie feststellten, dass die Seelen der gesamten Nation bei der Schliessung dieses Bundes anwesend waren, da der Bund all jene mit einschloss, die in zukünftigen Generationen geboren werden.
Seit der Begründung des Bundes und dieser ewigen Unterwerfung unter den Ewigen, die durch den Exodus hervorgebracht wurde, bezog sich der Ewige immer wieder auf diese historische Tatsache. Alle Aussagen seiner Propheten und alle Feiertage des Ewigen sind eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Denn dies bezeugte ihre ewige Knechtschaft.
Abravanel wollte die ewige Verpflichtung des jüdischen Volkes, die Torah zu halten, auf die historische Tatsache des Exodus, den wir im täglichen Gebet erwähnen, basieren. Der Ewige eröffnete auch die Offenbarung am Sinai mit einem Hinweis auf diese Tatsache. R. Judah Halevi betont ebenso, dass die Zehn Gebote nicht mit der Feststellung "Ich bin der Ewige, dein Gott, der Himmel und Erde erschuf" beginnen, sondern mit "Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich geführt aus dem Lande Mitzrajim, aus dem Knechthause."
Abravanels Erklärung hat einen Makel. Am Anfang bemüht er sich, die Verpflichtung der zukünftigen Generationen bezüglich der Torah mit der Verpflichtung von Kindern, die die Schulden des Vaters zurückzahlen, zu vergleichen.Aber diese Erklärung ist nicht ausreichend, denn ein Kind kann immer das Erbe verweigern und sich von jeglicher Verpflichtung befreien. Andererseits gibt es keine Befreiung von der Verpflichtung der Offenbarung am Sinai. Der folgende Text aus Ezechiel (20, 32 - 33) wird von unseren Weisen im Zusammenhang mit der Ewigkeit der Verpflichtung, die das jüdische Volk am Sinai einging, zitiert:
Und was euch in den Sinn kommt, darf unter keinen Umständen geschehen, dass ihr sagt: "Wir wollen sein wie die Heiden, wie die Stämme der Heidenländer, und Holz und Stein dienen." So wahr ich lebe, spricht der Ewige, der Herr, mit starker Hand, mit erhobenem Arm, mit überschäumenden Grimm will ich über euch herrschen.
Hier zitieren wir den Midrasch Tanhuma zu dieser Sidra:
Als sich Israel in den Tagen Ezechiels vom Joch und vom Eid befreien wollte, wie heisst es dort (Ezechiel 20, 1)?: Einige kamen zu den Ältesten Israels, um den Ewigen zu befragen. Sie sagten zu ihm: Wenn ein Priester einen Sklaven kauft, darf dieser an trumah teilhaben? Er erwiderte, er darf. Dann fragten sie: Wenn ihn der Priester an einen Israeliten zurückverkauft, hat er dadurch den Herrschaftsbereich des Priesters verlassen? Er sagte zu ihnen: Er hat. So sagten sie: So ist es mit uns. Wir haben bereits seinen Herrschaftsbereich verlassen, wie werden wie die Heidenvölker sein. Ezechiel antwortete ihnen: Und was euch in den Sinn kommt, darf unter keinen Umständen geschehen, dass ihr sagt: "Wir wollen sein wie die Heiden, wie die Stämme der Heidenländer, und Holz und Stein dienen." So wahr ich lebe, spricht der Ewige, der Herr, mit starker Hand, mit erhobenem Arm, mit überschäumenden Grimm will ich über euch herrschen. Denn ihr seid immer noch dazu verpflichtet, mir zu dienen. Daher heisst es: Und nicht mit euch allein schliesse ich diesen Bund und diesen Vereidigungsfluch; Sondern so mit dem, der heut hier mit uns ist, stehend vor dem Ewigen, unserm Gotte, als mit dem, der heut hier nicht mit uns ist.
Abravanel bearbeitet diesen Text Ezechiels hinsichtlich der Ewigkeit von Israels Verpflichtung, die am Sinai gegebene Torah zu halten:
Diese Prophezeiung Ezechiels hat eine bemerkenswerte Bedeutung. Wir sollten sie uns zu Herzen nehmen, denn das meiste davon haben wir während unseres bitteren Exils mit eigenen Augen gesehen. Viele unserer Brüder haben die Religion ihrer Väter wegen der Verfolgungen verlassen. Sie wollen wie die Völker der Welt sein und denken, dass sie dadurch die göttliche Vorsehung und die Verpflichtung, Seine Torah zu halten, von sich entfernen. Sie denken, dass sie in all ihrem Tun ebenso wie die anderen Nationen Erfolg haben und nicht länger Teil ihres eigenen Volkes sind. Darauf bezieht sich der Text "Mit überschäumenden Grimm will ich über euch herrschen". Das bedeutet: was auch immer sie und ihre Nachkommen tun, um sich zu assimilieren, sie werden keinen Erfolg haben. Sie werden weiterhin - gegen ihren Willen - Juden genannt, weiterhin beschuldigt, dass sie im Geheimen die jüdische Religion ausüben, und sie brennen dafür auf dem Scheiterhaufen.
Abravanel schrieb diese Worte zur Zeit der Inquisition, als die Marranen verfolgt wurden, als die Ereignisse bewiesen, dass der Bund des Sinai nicht so leicht abgeschüttelt werden kann, und dass alle Assimilationsbemühungen fruchtlos waren. Abravanel leitete aus dem heiligen Text eine Botschaft an seine Generation ab. Können wir nicht von ihm lernen, in der Torah eine ähnliche Botschaft für unsere Zeit und unsere eigene Generation zu finden?
Haftara zu Nitzawim: Jesaja LXI, 10 - LXIII, 9
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