Purim

Von Nisan bis Adar: Die Reise durch den juedischen Kalender



P U R I M

Das Symbol des Festes - Laerminstrumente

Die Geschichte eines Symbols - historische Entwicklung - Einfluesse

Wie merzen wir die Erinnerung an Haman aus?

Haman, der Agagiter, der Feind der Juden, war ein Nachkomme Agags, des Koenigs von Amalek. Er war die 17. Generation der Abkoemmlinge Amaleks, des Sohn des Elifaz, dem Erstgeborenen Esaus. Das biblische Gebot, "das Andenken an Amalek unter dem Himmel auszutilgen" (Deut. 25,19), wurde in der Zeit von Esther und Mordechai erfuellt: Haman und seine zehn Soehne wurden auf Galgen aufgehaengt.

Die juedische Tradition fand die Worte der Tora "denn, sagte er, das Feldzeichen des Ewigen in der Hand! Krieg fuehrt der Herr mit Amalek von Geschlecht zu Geschlecht" (Ex. 17,16) in der Megillah wiederholt: "Diese Purimtage sollten aus der Mitte der Juden nie schwinden und ihr Andenken von ihren Nachkommen nicht weichen" (Esther 9,28).
So wurde es Brauch, gegen Amalek und seine Nachkommen "Krieg zu fuehren" und "Rache zu ueben", indem jedes Jahr zum Purimfest die Megillah gelesen wurde.

Zuerst war dieser "Rachefeldzug" nur ein Krieg mit Worten: Die Namen Hamans und seiner zehn Soehne werden in einem Atemzug gelesen und ihre Namen erscheinen in der Megillah in einer Reihe, um zu symbolisieren, dass ihre Sache keine Hoffnung auf Wiederherstellung hat.

Hamans Fall wurde das Hauptthema der oeffentlichen Megillahlesung - eine Entwicklung, die vor allem den Kindern Freude mache und die von den Eltern kaum toleriert wird.

In den fruehen Jahrhunderten war es in verschiedenen juedischen Gemeinden ueblich, eine Hamanpuppe zu verbrennen oder zuerst zu kreuzigen und hinterher zu verbrennen. In den christlichen Laendern kam das Geruecht auf, die Juden betrachteten das Haengen, Verbrennen oder Kreuzigen der Hamanfigur als Symbol der Kreuzigung Jesu. Deshalb verbot die Kirche diese Art "Rache" an Haman und dieser Brauch wurde viele hundert Jahre lang aufgegeben, bis er in einigen aschkenasischen Gemeinden als Teil ihrer Purimspiele wieder auflebte.

Rund um die Welt

Der Brauch des Laermens, wenn waehrend der Megillalesung der Name Hamas auftaucht, hat eine sehr lange Geschichte. In den vielen Jahrhunderten wurde das "Andenken an Haman" in den verschiedenen Generationen und Gemeinden auf unterschiedliche und interessante Weise "ausgemerzt".

Wie entwickelte sich dieser Brauch, bevor er seine jetzige Form mit dem traditionellen Laerminstrument - der Purimratsche - annahm? Wie "merzten" Juden die Erinnerung an Haman in Gemeinden in aller Welt aus?

Der Brauch, sich an Haman zu raechen entstand bereits in der Antike. Seine Quelle ist im Talmud zu finden (Sanhedrin 64): "...der Purimring."

Die Zeit der Geonim (Babylonien, ca. 500 bis 1000):
:Die Geonim erklaerten den Brauch des Purimringes folgendermassen: Die jungen Burschen stellen eine Hamanfigur her und haengen sie vier oder fuenf Tage vom Dach herunter auf. Zu Purim machen sie ein Feuer und werfen die Hamanpuppe hinein, sie tanzen um das Feuer herum und singen. Dann haengen sie ueber dem Feuer einen Ring auf und springen durch den Ring von einer Seite des Feuers zur anderen."
(Antworten der Geonim aus der Gnizah)

Rom (384-423)
"In den Tagen des Honorius, Herrscher ueber das Westreich (384-423) und seines Neffen Theodosius II, Herrscher ueber das Ostreich, entschieden christliche Eiferer, die Juden verbrennten oder haengten nicht den boesen Haman, sondern den als Haman verkleideten Jesus. Sie ernannten daher einige Offizielle der Regierung, die juedische Braeuche des "Hamanfeiertages" studieren sollten, wenn der Erloeser am Kreuz verbrannt wird, um die christliche Religion zu verspotten.
(ebda)

Im Jahr 415
"Im Jahr 415 errichteten die Juden eines Dorfes in der Naehe von Eminster einen Galgen in der Form eines Kreuzes, haengten eine hoelzerne Hamanfigur darauf auf und schlugen sie. In der Gegend entstand das Geruecht, die Juden haetten ein christliches Kind gekreuzigt. Beinahe kam es zu einer blutigen Konfrontation zwischen Juden und Christen, der Kaiser jedoch intervenierte, beruhigte die christlichen Eiferer, indem er den Juden, die an der Feier teilgenommen hatten, eine schwere Strafe auferlegte.
(ebda)

Der christliche Historiker Prokat glaubte fest daran, die Juden haetten zu Purim im Andenken an Haman wirklich ein christliches Kind gekreuzigt.

Haman lebt in Schemischal wieder auf
"Wir koennen die grosse und schwere Rache, die Juden zu Purim an Haman ueben, sehen. So machen sie es: Sie stellen einen Christen an, der ihnen erlaubt, ihn unter Siegesgeheul durch die Strassen zu fuehren. Sie schlagen ihn, peitschen ihn, ziehen an den Haaren, verspotten und demuetigen ihn."
(Galicia 1743. Dokument Nr. 136)

Haman und Zeresch brennen in Frankfurt wie eine Kerze
In der juedischen Gemeinde Frankfurt war es Brauch, zur Zeit der Megillalesung auf einer Plattform ein Gestell zu errichten. Es handelte sich um eine Art durchsichtigen Palast, kunstvoll aus Wachs geformt und mit goldener Farbe bemalt. Dort war Haman mit seiner Frau Seresch. Nach dem Beginn der Megillalesung wurden Haman und seine Frau angezuendet.
(ebda)

In einem Atemzug
Es wird auch gelaermt, wenn die Namen von den zehn Soehnen Hamans gelesen werden. Ihre Namen werden in einem Atemzug gelesen, da sie alle zur selben Zeit gehaengt wurden.
(Mainz 1238)

Die Londoner Autoritaeten
In London gab es viele unter den sephardischen Juden, die sich dem Brauch, "das Andenken an Haman auszumerzen", widersetzten, aus Furcht, die Nichtjuden koennten die Juden der Verspottung Jesu bezichtigen. Als ihre Mitjuden nicht auf sie hoerten, wandten sich ihre Fuehrer 1783 an die lokalen Behoerden, damit sie die Juden am Schlagen mit Symbolen, Haemmern usw. hinderten.

Ein Heiratsvertrag fuer Haman
In sephardischen Gemeinden ist es Brauch, einen Heiratsvertrag (Ketubbah) fuer Haman und seine Frau Seresch zu schreiben.
Und so beginnt er:
"Moege dich Gott verfluchen und moege das Weib, das dir zugedacht wurde, bitterer als der Tod sein.
Am 16 des ersten Monats, das ist der Monat Nisan, im dritten Jahr nachdem der Name Amalek ausgetilgt war, 3444 Jahre seit der Schoepfung der Welt, gemaess den Braeuchen, die wir hier in Schuschan, der Hauptstadt des persischen Reiches halten, bezeugen wir, wie der verfluchte, dumme, beruechtigte wilde Eber, Feind der Juden usw., Haman, der boese, moege sein Andenken aus der Welt getilgt werden, seiner boesen Hexe Zeresch erklaerte: ... Siehe, du bist mir aberkannt" und "Sei meine Huendin gemaess der Religion Balaams und Balaks, Sohn des Zipor, moegen ihre Namen ausgetilgt werden."
Gezeichnet:
Zeuge: Taube Schlange, Sohn eines Narren
Zeuge: Hirnloser Sohn der Verlegenheit

Die Liste der juedischen Braeuche ist lang:

  • Verbrennen einer Hamanpuppe
  • Verbrennen von Kerzen, die Haman und Zeresch darstellen
  • Die Namen der zehn Soehne Hamans werden in einem Atemzug gelesen
  • Heiratsvertrag
  • Jemand wird bezahlt, damit er Haman darstellt

Wir fuegen zwei Braeuche aus unserer Zeit hinzu:

  • An einigen Orten ist es ueblich, nach dem Lesen der Megillah ein liturgisches Gedicht zu rezitieren:
    "Gesegnet seinen Mordechai und Esther, verflucht seien Haman und Zeresch."
  • Der wichtigste heutige Brauch ist die Purimratsche, die in aschkenasischen und sephardischen Gemeinden akzeptiert wurde.

Hier ist der Ursprung dieses Brauches:
"In der ersten Pesachnacht pflegten christliche Kinder durch die Strassen des juedischen Viertels zu gehen und sich rund um die Synagoge zu versammeln, um mit Laerminstrumenten "das Andenken an Judas Ischariot zu tilgen, einem der Zwoelf Apostel, der seinen Meister verriet." In dieser Nacht tilgten auch die Priester mit Laermen das "Andenken an Judas Ischariot" oder klopften mit Stoecken auf die hoelzernen Pulte der Kirchenkanzeln.
Durch die zeitliche Naehe von Purim und Pesach verbreitete sich dieser Brauch auch unter den Juden."

Nach dem Studium der Braeuche, mit denen die Erinnerung an Haman im Laufe der Geschichte ausgemerzt wurde, kann in der Klasse darueber diskutiert werden, wie die Schueler ueber diese Braeuche denken. Es ist moeglich, das Positive wie das Negative dieser Braeuche hervorzuheben:
Wir wollen unsere Vorfahren nicht voreilig verurteilen. Deshalb ist es wichtig, den Hintergrund, vor dem diese Braeuche entstanden, zu verstehen. Es stimmt, dass das Ausmerzen des Andenkens an Haman oft eine Bedeutung annahm, die das Ausmerzen des Andenkens an Amalek widerspiegelte und oft ein Ausdruck der Enttaeuschung und Frustration der Juden ueber die Christen wurde. Wir muessen uns aber vor Augen halten, dass zu Zeiten, wenn die Nationen buchstaeblich und grausam Juden ermordeten, die Juden nur einen symbolischen Weg hatten, sich zu verteidigen und ihren Zorn auszudruecken: Schlagen mit Worten und die Purimratsche in der Hand.

Aktivitaet: Den Namen Haman tilgen

In unserer Zeit, in einer Welt voll Hass, welchen Platz gibt es fuer einen Brauch, der sehr leicht den Hass steigern kann? Wir wissen, dass in einigen Gemeinden die Juden von diesem Brauch Abstand nahmen, um die guten Beziehungen zu ihren christlichen Nachbarn nicht zu gefaehrden.

In Israel hat diese Diskussion einen etwas anderen Charakter, und die Studenten koennen an der israelischen Diskussion teilnehmen: Der Brauch entwickelte sich in einer Zeit, als die Juden als Minderheiten in den verschiedenen Laendern lebten. In einem souveraenen juedischen Staat wirft dieser Brauch jedoch viele moralische Fragen bezueglich unserer arabischen Nachbarn auf. Ist ein solcher Brauch in Israel wuenschenswert?

Lehrer und Erzieher sollten den Schuelern nicht ihre Meinung aufzwingen, sondern die Diskussion in verschiedene Richtungen leiten, um den Schuelern Gelegenheit zu geben, ihre Gefuehle ueber diese Braeuche und ihre Bedeutung auszudruecken.

Kurze Praesentation des Themas (fuenf Minuten)

Stufe 1

  • Die Teilnehmer werden in Gruppen von vier bis fuenf Personen geteilt.
  • Die Gruppen erhalten die Texte ueber die Entwicklung des Brauches.
  • Studium der Quellentexte (20 Minuten)

Stufe 2

  • Die Teilnehmer formulieren einen Standpunkt bezueglich des Brauches heute. Sie sollten die Negativa und Positiva beruecksichtigen.
  • Ein Vertreter der Gruppe berichtet die verschiedenen Meinungen, die in seiner Gruppe ausgedrueckt wurden. (15 Minuten)

Stufe 3

  • Jeder Teilnehmer schreibt einen kurzen Aufsatz, in dem er seine Gefuehle und Meinungen ausdrueckt. Die Gegner der Braeuche schreiben rot, die Befuerworter blau.

Zusammenfassung

  • Der Moderator gibt einen kurzen Ueberblick ueber die Entwicklung des Brauches und liest einige Aufsaetze vor.

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Updated: 07/02/01

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