Purim

Von Nisan bis Adar: Die Reise durch den juedischen Kalender



P U R I M

Feministische Aspekte der Estherrolle III

Das Komplott und sein Scheitern

Angehoeriger der Palastwache in Schuschan

Esthers Stand innerhalb ihres eigenen Volkes bleibt immer erhoeht, was aus dem Text hervorgeht. Vielleicht lehrt uns dies einiges ueber die Position der Frau in der israelitischen Gesellschaft der biblischen Zeit.

Besonders Esther, die ihre Herkunft verbirgt, weiss genau ueber ihre Familie Bescheid: sie ist die Tochter Avihails, Mordechais Onkel. Mordechais Familie wird im Detail erklaert und bis zu Kisch, dem Jemeniter (auch der Name Koenig Sauls) zurueckgefuehrt. (Siehe auch Raschis Kommentar zu 2,10)

Dass Esther Mordechais Bitte erfuellt (und nicht jene des Koenigs) ist ebenfalls ein Beweis fuer ihr eigenstaendiges Denken. Sie verbirgt ihre Identitaet unter allen Umstaenden, sogar als sie zur Koenigin gekroent wird, bleibt sie Mordechais Bitte treu.
2,20: ... hatte Esther ihre Herkunft und ihr Volk nicht offenbart, wie Mordechai ihr befohlen hatte. Die Anordnung des Mordechai erfuellte Esther so wie damals, als sie noch in der Obhut bei ihm weilte.

Nachdem Hamans Vernichtungsbrief bekannt ist, ruft Mordechai Esther auf, zu helfen, das Unheil abzuwenden. Zuerst zoegert sie, diese Rolle anzunehmen, ihr Status bei Hof ist niedrig. Der Koenig ist nicht gewoehnt, Staatsangelegenheiten mit seiner Frau zu besprechen. Er ueberlaesst sie dem, der "ueber allen Fuersten" steht, seinem Ministerpraesidenten Haman. Esther steht dem Koenig nicht so sehr nahe, und er hat sie schon seit dreissig Tagen nicht mehr gerufen. Esther befindet sich also in unmittelbarer Gefahr, da jeder, der sich uneingeladen dem Koenig naehrt, zum Tod verurteilt ist.

Fuer Mordechai ist Esther in seinen Bemuehungen, das juedische Volk zu retten, eine gleichwertige Partnerin. Er gibt ihr einige Gruende an, warum sie diese Mission trotz der ihr innewohnenden Gefahren akzeptieren soll. (4,12)

Aus Mordechais Worten geht unzweifelhaft hervor, dass jeder, Mann oder Frau, in seinem Leben eine Mission zu erfuellen hat, die er oder sie annehmen muss. Und jedes Mitglied des juedischen Volkes hat die Pflicht, die Existenz des Volkes mit allen ihm oder ihr zur Verfuegung stehenden Mitteln zu bewahren. Esther beantwortet Mordechais Aufruf, und von diesem Moment an, geht die Initiative auf sie ueber. Sie allein plant und fuehrt alle Schritte aus, die zur Rettung der Juden fuehren.

Zuerst appelliert Esther an ihr Volk. Mordechai soll alle Juden in Schuschan versammeln und ein Fasten der gesamten Gemeinde festlegen:
Wohlan, versammle alle in Schuschan sich befindenden Juden! Haltet ein Fasten meinetwegen! Esst und trinkt drei Tage nichts, Tag und Nacht! Auch ich und meine Dienerinnen wollen ebenso fasten.

Mordechai scheint Esthers Fuehrungsrolle zu akzeptieren. Seine Reaktion wird in 4,17 beschrieben:
Da ging Mordechai fort und handelte nach allem, was Esther ihm befohlen hatte.

Esther waechst an ihrer Rettungsaktion. Sie erkennt, dass Haman den Gipfel seiner politischen Macht erreicht hat und dass der Koenig von ihm abhaengig ist. Sie weiss, dass der Status von Frauen und ihr eigener Status in Bezug auf den Koenig wackelig ist. Es gibt keinen Grund fuer Achaschwerosch, auf ihren Rat zu hoeren. Andererseits weiss sie auch, dass der Koenig an Themen wie soziale Gerechtigkeit und Herrschaft des Gesetzes kein Interesse hat, da er egozentrisch den Respekt sich selbst gegenueber bewahren und seine Beduerfnisse erfuellt sehen will.

Deshalb setzt Esther auf ausgekluegelte formale Ereignisse, um Spannungen zwischen dem Koenig und Haman herbeizufuehren, die seinen Sturz und die Aufhebung seines Dekreten nach sich ziehen sollen.

Esther laedt den Koenig und Haman zu einem Gastmahl ein. Im Laufe dieses Mahles spricht sie eine weitere Einladung fuer ein neues Bankett in der naechsten Nacht aus. Der Koenig, in staendiger Angst vor Verschwoerern (siehe Bigtan und Teresch), hat sich mit einem persoenlichen Sicherheitssystem umgeben. Er wundert sich ueber die Beziehung der Koenigin zu Haman, der zu allen Banketten geladen wird, die sie fuer ihn, den Koenig, veranstaltet. Der normale Weg fuer jemanden, der zur Macht gelangen will: Beachtliche Aufmerksamkeit fuer die Frau des Regenten gab die Illusion der Kontinuitaet von Regimen.

Esther legt erstaunlichen Mut an den Tag. Im offenen Konflikt mit Haman enthuellt sie ihre wahre Herkunft, indem sie ihn des Voelkermordes bezichtigt. (7,3-6) Voller Neid und Wut sieht der Koenig, wie Haman auf Esthers Ruhebett niederfaellt. Zornig gibt er Harbonas Vorschlag nach, Haman zu haengen. (7,9)

Esther gelingt es, ihren Plan erfolgreich zu verwirklichen. Aber ihre Rolle ist noch nicht zu Ende: das Dekret wurde noch nicht widerrufen, obwohl das groesste Hindernis aus dem Weg geraeumt ist. Nach der Hinrichtung Hamans muss sich Esther nochmals dem Koenig naehern, wahrscheinlich abermals mit einigem Risiko, um die Widerrufung des Dekretes zu erreichen. Um ihr Volk zu retten, ist ihre Opferbereitschaft grenzenlos:
8,3-6: Esther sprach nochmals vor dem Koenig und fiel ihm zu Fuessen. Sie weinte und flehte ihn um Erbarmen an, das Unheil des Agagiters Haman und seinen Plan, den er gegen die Juden ersonnen hatte, abzuwenden. ... Denn wie koennte iuch das Unheil ansehen, das mein Volk treffen wird? Wie koennte ich beim Untergang meiner Verwandten zuschauen?

Um den Koenig nicht zu beleidigen, betont Esther, das Dekret gegen die Juden sei von Haman, des Sohnes des Hamdata, des Agagiters, eine Kreation seiner Gedanken und Plaene. Deshalb bitte sie um die Annullierung dieses Vernichtungsdekretes. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Koenig dieses Dekret unterzeichnete.

Joseph Zwi Geiger: Szene aus dem Estherbuch, 1893

Der Autor der Megillah beschreibt Esthers Verpflichtung gegenueber ihrem Volk mit Begriffen, die wir auch in Genesis finden:
Genesis 44,34: Denn wie koennte ich zu meinem Vater heimkehren ... Ich koennte das Unglueck, das ueber meinen Vater kaeme, nicht mitansehen.
8,6: Denn wie koennte ich das Unheil ansehen, das mein Volk treffen wird? Wie koennte ich beim Untergang meiner Verwandten zuschauen?

Wie Judah erklaert auch Esther, dass sie zum Wohle des Volkes handeln. Die Tatsache, dass sie eine Frau ist, wird in der Geschichte nicht speziell erwaehnt. Daher verstehen wir, dass der Status von Frauen und Maennern grundsaetzlich gleich ist.

Achaschwerosch wird von Esthers Hartnaeckigkeit ueberzeugt. Er uebergibt den koeniglichen Siegelring an Mordechai.
8,8: Betreffs der Juden koennt ihr nun im Namen des Koenigs schreiben...

Obwohl Mordechai mittlerweile die Buehne wieder betreten hast, ist Esthers Part noch nicht zu Ende. (8,15)
Auf seine Frage: Was ist nun deine Bitte ... (9,12) antwortet Esther in 9,13:
Wenn es dem Koenig zusagt, moege es den Juden in Schuschan auch morgen gestattet sein, nach dem Gesetz des heutigen Tages zu handeln. Die zehn Soehne Hamans aber soll man am Pfahl aufhaengen.

Was hat das ruhige, gehorsame Maedchen, das wir am Anfang der Megillah kennengelernt haben, so fordernd gemacht?

Esther ist mit ihrer Aufgabe gewachsen.

Nachdem sie in ihrer Mission erfolgreich ist, fuehlt sie die Verantwortung, die Rettungsaktion zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Es ist wichtig, zu bemerken, dass die Megillah den Kampf der Juden als Verteidigungskrieg betrachtet. (8,11; 8,13; 9,2; 9,5)

Esthers hoher Status wird sogar nach dem Ende der Geschichte erkannt, wenn entschieden wird, Purim in einen Festtag zu verwandeln, der von jeder Generation gefeiert werden soll:
9,20-22: Mordechai schrieb diese Geschehnisse auf und sandte Briefe an alle Juden in allen Provinzen des Koenigs Achaschwerosch, nah und fern, um sie zu verpflichten, alljaehrlich stets den vierzehnten Tag des Monats Adar und den fuenfzehnten Tag desselben zu feiern, entsprechend den Tagen, an denen die Juden vor ihren Feinden Ruhe fanden, und entsprechend dem Monat, der ihnen vom Schmerz zur Freude, von der Trauer zu einem Festtag umgewandelt wurde, auf dass sie diese Tage als Tage frohen Festgelages feiern, sich gegenseitig Geschenke und den Armen Gaben zusenden sollten.

Im zweiten Brief, der ausgesandt wird, um die mit Purim verbundenen Braeuche zu bestaerken, betont der Text, dass sie von Esther und Mordechai gemeinsam geschickt sind. Dem Stil nach, ist es Esther, die ihn initiierte:
9,29-32: Die schrieb die Koenigin Esther, die Tochter Abihails, mit aller zu Gebote stehenden Vollmacht, um diesen zweiten Purim-Brief zur Anerkennung zu bringen. Sie sandte Briefe an alle Juden in den 127 Provinzen des Reiches des Achaschwerosch, Worte des Friedens und der Treue, um diese Purimtage zu ihren Festzeiten einzusetzen, wie es ihnen der Jude Mordechai bestimmt hatte und wie er sie und ihre Nachkommen verpflichtet hatte, indem er die Bestimmungen ueber das Fasten und das Wehklagen hinzugefuegt hatte. Esthers Befehl setzte diese Purimvorschriften fest, und sie wurden in das Buch eingetragen.

Zusammenfassung

In dieser Krisenzeit erfuellte Esther ihre Rolle als Fuehrerin des Volkes Israel mit Intelligenz, Hartnaeckigkeit und Hingabe. In ihrem Rettungsplan fuer das Volk und in der Art und Weise, wie sie ihre Sache voranbringt, enthuellt sich ihre Persoenlichkeit


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Updated: 07/02/01

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