Purim

Von Nisan bis Adar: Die Reise durch den juedischen Kalender



P U R I M

Feministische Aspekte der Estherrolle II

Miniatur: Koenig Achaschwerosch, 1332

Der inferiore Status der Frauen im persischen Reich wird in der Beschreibung des Auswahlverfahrens fuer eine neue Koenigin noch augenfaelliger. Was wurde von der neuen Koenigin erwartet, welcher Art Kandidatin wurde diese erhabene Position vorgeschlagen?
2,2-4: Da sprachen die Diener des Koenigs, die ihn bedienten: Man suche fuer den Koenig jungfraeuliche Maedchen, die von schoener Gestalt sind. Der Koenig bestimme in allen Provinzen seines Reiches Beamte, die alle jungfraeulichen Maedchen von schoener Gestalt zur Burg Schuschan in das Frauenhaus unter die Obhut des koeniglichen Eunuchen Hege, des Frauenaufsehers, bringen sollen! Man sorge fuer ihre Schoenheitspflege! Das Maedchen aber, das dem Koenig gefaellt, soll Koenigin an Stelle Washtis werden!"

Es sind die die weisen Ratgeber des Koenigs, die ihn bei der Auswahl einer neuen Koenigin beraten, sondern einfache Diener, seine jungen Zechgenossen - und ihre Sprache ist simpel, wie die des Koenigs. Dem Koenig wird geraten, eine Art Schoenheitswettbewerb zu veranstalten. Die einzige Voraussetzung fuer die Teilnahme der Kandidatinnen ist, dass sie "jungfraeuliche Maedchen von schoener Gestalt sind." Die Teilnahme ist nicht freiwillig. Aus der Anzahl der Kandidatinnen , deren Qualitaeten fuer diese Position auf oberflaechliche Kriterien reduziert wurden, werden die Schoensten dem Koenig fuer eine "Versuchsnacht" geschickt. Der Koenig wird das Maedchen waehlen, das ihm am besten gefaellt. Danach wird sie sich den Konkubinen im koeniglichen Harem anschliessen.

Der Autor der Megillah drueckt seine Vorbehalte gegenueber der Art, wie der Koenig seine Frauen waehlt, aus. Die Worte der Diener erinnern an die Konversation in der Josefsgeschichte, in der es um die Sammlung von Nahrungsvorraeten geht:
Genesis 41,34-37: "Ferner wolle der Pharao sofort Aufseher ueber das Land bestellen und (durch sie) in den sieben Jahren des Ueberflusses vom Land Aegypten den Fuenften erheben lassen. ... Das Getreide soll als Vorrat fuer das Land dienen in den sieben Hungerjahren ... Diese Rede gefiel dem Pharao und allen seinen Dienern."
Esther 2,3-4: "Der Koenig bestimme in allen Provinzen seines Reiches Beamte, die alle jungfraeulichen Maedchen von schoener Gestalt zur Burg Schuschan bringen. ... Diesen Vorschlag billigte der Koenig und handelte danach."

Frauen werden wie Handelsware behandelt. Die Megillah weist immer wieder - mit den ihr zur Verfuegung stehenden literarischen Mitteln - auf den Grad des Mangles an persoenlichen und emotionalen Beziehungen Frauen gegenueber hin. Der Text betont, von jeder Kandidation werde gefordert, ein Jahr in kosmetischer Behandlung zu verbringen, bevor sie zum Koenig gerufen wird. Die umfassende Verschoenerung wird sogar im Detail beschrieben:
2,12: Wenn nun ein jedes der Maedchen an die Reihe kam, zum Koenig Achaschwerosch zu gehen, nachdem es entsprechend den Vorschriften fuer die Frauen zwoelf Monate lang behandelt worden war - denn so lange dauerten die Tage ihrer Schoenheitspflege, sechs Monate mit Myrrhenoel und sechs Monate mit Balsam und weiblichen Schoenheitsmitteln...
Die Wortwahl ruft eine parallele Stelle im Buch Genesis in Erinnerung:
Genesis 50,3: Darueber vergingen vierzig Tage. Denn so viele Zeit nahm das Einbalsamieren in Anspruch.

Die Beschreibung in Genesis bezieht sich allerdings auf die Vorbereitung von Jakobs Leiche, waehrend die Megillah ueber lebendige Frauen spricht. Die aehnliche Formulierung gibt zu verstehen, dass die Beziehungen zu einer Frau aufgrund ihres Koerpers zustande kamen und nicht wegen ihres Verstandes und ihrer Seele.

Esther - so scheint es in der Megillah - ist voellig uninteressiert daran, eine der Kandidatinnen fuer die neue Koenigin zu werden. Der Text betont auch, dass sie gegen ihren Willen in den Palast gebracht wurde:
2,8: Als der Befehl des Koenigs und seine Verordnungen bekanntgemacht und viele Maedchen in der Burg Schuschan unter der Obhut des Hege versammelt waren, wurde auch esther in den Koenigspalast unter die Obhut des Frauenaufsehers Hege gebracht.

Die Megillah stellt fest, man dass die Maedchen auf Befehl des Koenigs in Schuschan "versammelte", und dass Esther in den Palast "gebracht" wurde. Die Sprache des Textes bleibt in diesem Kapitel gleich, sogar noch, wenn geschildert wird, wie Esther geht, um den Koenig zu sehen:


2,16: So wurde Esther zu Koenig Achaschwerosch in sein koenigliches Schloss gebracht..
Der Vers erinnert daran, wie Sarah - gegen ihren Willen - in das Haus des Pharao gebracht wurde: Genesis 12,15: da wurde die Frau in den Palast des Pharao gebracht.

Die Maedchen verbringen eine Art "Probenacht" mit dem Koenig. Am folgenden Morgen werden sie vom Frauenaufseher Hege in die Obhut des koeniglichen Eunuchen Schaaschgas uebergeben, dem Aufseher ueber die Nebenfrauen.

Die Megillah beschreibt diese Praxis, diese animalische Haltung Frauen gegenueber mit Abscheu.

Als Esther an die Reihe kommt, wird der Unterschied zwischen ihrer wuerdevollen Haltung und der demuetigenden Situation, in der sie sich im persischen Reich befindet, betont:
2,15: ... begehrte sie nur das, was der koenigliche Eunuch Hege ... angab. Esther fand Gefallen bei allen, die sie sahen.
Mehr noch: alle Kandidatinnen hatten Gelegenheit, ihre Chancen zu verbessern, indem ihnen alles, was sie begehrten, zur Verfuegung gestellt wurde.
2,13: dann ging das Maedchen zo zum Koenig, und alles, was es begehrte, wurde ihm vom Frauenhause in den Palast mitgegeben.
Esther jedoch, uninteressiert an "Erfolg", begehrt nichts. Alles weist darauf hin, dass Mordechais Bitte an Esther, ihre wahre Identitaet zu verbergen, von seiner Ablehnung der Idee stammt, sie koenne die Frau Achaschweroschs werden. (2,10: Ihr Volk und ihre Abstammung gab Esther nicht an, da Mordechai ihr verboten hatte, sie anzugeben. - 2,20: Die Anordnung des Mordechai befolgte Esther ...) (Siehe auch Raschis Kommentar ueber ihren Familienhintergrund)
Dennoch: Esther wird zur Koenigin erwaehlt, und um diese Erwaehlung zu feiern, gibt der Koenig wieder ein Festmahl, diesmal zu Ehren Esthers. (2,18: Dann bereitete der Koenig all seinen Fuersten und Dienern ein grosses Gastmahl, das Gastmahl Esthers.)

Koenig Darius, der Vater des Xerxes

Die Megillah berichtet nichts ueber die Beziehung zwischen Koenig und Koenigin in den Jahren ihrer Ehe. Sie erscheint gaenzlich "funktional". Ebenso wie eine Kandidatin fuer die Krone der Obhut des Aufsehers ueber die Konkubinen ueberlassen wartete, bis "der Koenig an ihr Gefallen fand, und sie namentlich gerufen wurde (2,14), wartete auch Esther.

Das Estherbuch stellt auch offen klar, dass der Koenig in letzter Zeit keine Notwendigkeit fuer die Dienste seiner Frau und Koenigin sah. Esther zu Mordechai:
4,11: Nun bin ich schon seit dreissig Tagen nicht mehr gerufen worden, zum Koenig zu kommen.

Der Status Koenigin Esthers war ebenso niedrig wie der jeder anderen Frau. Sie riskierte ihr Leben, wenn sie ohne Erlaubnis vor den Koenig trat: 4,11 ... dass fuer jeden, Mann oder Frau, der ungerufen zum Koenig in den inneren Vorhof kommt, nur ein Gesetz besteht, dass man ihn toete, es sei denn, dass der Koenig sein goldenes Zepter nach ihm ausstreckt, damit er lebe.
Esthers Leben war luxurioes, aber sie war im Palast einsam. Erst mit Hamans Erlass drueckt sie ihre unabhaengige Natur aus. Sie wird von Mordechai aufgerufen, zu versuchen, das Leben der Juden zu retten. Und Mordechai gibt ihr einen moeglichen Sinn fuer ihr Dasein als Koenigin:
4,14: Wer weiss, ob du nicht gerade fuer eine solche Zeit zur Koenigswuerde emporgestiegen bist?

Es ist offensichtlich, dass die Maenner am Hof des Perserkoenigs Frauen als Unterhaltungsobjekte betrachteten, deren Aufgabe es war, die Beduerfnisse der Maenner zu befriedigen und ihnen auf jede erdenkliche Art zu Diensten zu sein. Die Wuensche der Frauen - sei es Washti oder eine Kandidatin fuer die Koenigswahl - hatten in der Geschichte keine Bedeutung, jede Unabhaengigkeit wurde ihnen abgesprochen. Die Beschreibungen der Megillah teilen uns uns durch Assoziationen mit der Josefsgeschichte in Genesis hervorragend mit, welche Art Beziehungen ohne Gefuehle und Menschlichkeit zwischen Maennern und Frauen existierten und wie es Frauen verwehrt war, ihre Meinungen, ihre Wuensche, sich selbst auszudruecken.


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Updated: 07/02/01

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