Purim

Von Nisan bis Adar: Die Reise durch den juedischen Kalender
P U R I M
Feministische Aspekte der Estherrolle I
Dieser Artikel versucht ein aktuelles Thema vor dem Hintergrund unserer Quellen zu untersuchen und zu beurteilen, welchen Beitrag die Esthergeschichte bezueglich des Status der Frau in der Gesellschaft leisten kann.
Methode: Das Studium des Textes sollte innerhalb der Gruppe geschehen - lebhaft, anregend, kreativ und frei in der Interpretation. Die Herausforderung ist doppelt: die Relevanz des Themas und die Auseinandersetzung mit den Quellen.
Einfuehrung
Die dramatischen Ereignisse der Megillah und ihre Bewahrung im nationalen Bewusstsein sind direkt verbunden mit der Persoenlichkeit der Frau, die bei ihrem Volk hoechstes Ansehen genoss: Esther, Tocher von Avihail.
Innerhalb zweier Rahmen bezieht sich das Estherbuch auf Frauen: der erste ist der Hof des Reiches von Persien und Medien; der zweite das juedische Volk.
Wie unterschiedlich ist der Status der Frau im Perserreich - degradiert zu einem Unterhaltungsobjekt in den Haenden des Ehemannes und den Launen einer Maennergesellschaft, wo es keinen Platz fuer sie gibt, ihre Persoenlichkeit zu entwickeln - von dem Respekt, der Esther gezollt wird, die mit einem bemerkenswerten Grad an Unabhaengigkeit handelt. Das sorgfaeltige Textstudium bringt dies zum Ausdruck. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass auch die Benennung der Rolle nach Esther voll Bedeutung ist.
Koenig Achaschwerosch gibt ein Festmahl
fuer die Mitglieder seines Hofes und sein Volk: 180 Tage mit seinen Fuersten und weitere sieben Tage mit seinem Hofstaat. Die Megillah beschreibt dies mit erstaunlicher Laenge (I, 1-8). Auch Koenigin Washti gibt ein Festmahl (nur fuer Frauen!) und von Anfang an enthuellt sie einen ueberraschenden Grad an Unabhaengigkeit:
1,9: Auch die Koenigin Washti veranstaltete ein Gastmahl fuer die Frauen des Koenigspalastes...
Am 187. Tag des Bankettes befiehlt der angeheiterte Koenig (1,10), man moege Washti vor ihn bringen, um ihre Schoenheit den Gaesten zu praesentieren:
1,11: die Koenigin Washti mit der Koenigskrone vor das Antlitz des Koenigs zu bringen, um ihre Schoenheit den Voelkern und Fuersten zu zeigen.
Washtis Persoenlichkeit tritt zu Tage: sie weigert sich, vor dem betrunkenen Koenig zu erscheinen.
1,12: Aber die Koenigin Washti weigerte sich, gemaess dem von den Eunuchen ueberbrachten Befehl des Koenigs zu kommen.
Nicht von ungefaehr ist Washti als "erste Feministin" bekannt: trotz der Gefahren, die in ihrer Entscheidung liegen, lehnt sie es ab, vor den Koenig zu kommen, um ihre Schoenheit zu demonstrieren.
Es ist interessant zu bemerken, dass sie hier im Gegensatz zum vorhergehenden Vers, wo sie als "Washti, die Koenigin" bezeichnet wird, hier "Koenigin Washti" genannt wird, um uns zu zeigen, dass sie einen eigenen Willen hat. Der Koenig ist aeusserst zornig und als zeitlebens von seinen Ratgebern abhaengiger Herrscher - wie uns die Megillah zeigt - ruft er alle ihm Nahenstehenden zusammen, um die Dinge zu klaeren. (1,15) Washtis Reaktion erfordert eine passende Antwort. Die Ratgeber und Minister sprechen ueber die ernsten Konsequenzen der Handlungsweise Washtis und den negativen Einfluss ihrer Ablehnung auf das gesamte Gewebe der Beziehungen zwischen Eheleuten im grossen persischen Reich:
1,16-18: ...Nicht nur gegen den Koenig allein hat die Koenigin Washti sich vergangen, sondern auch gegen alle Fuersten und Voelker, die in allen Provinzen des Koenigs Achaschweroschs sind. Denn die Tat der Koenigin Washti dringt hinaus zu allen Frauen, um ihre Eheherrn in ihren Augen veraechtlich zu machen, wenn man sagt: Koenig Achaschwerosch befahl, die Koenigin Washti zu ihm zu bringen. Doch sie kam nicht. Heute noch werden die Fuerstinnen der Perser und Meder gegen alle Fuersten des Koenigs widerspenstig werden, wenn sie die Tat der Koenigin vernehmen. Es wird genug Aerger und Verdruss geben.
Washtis Handlung gefaehrdet den Status der Maenner im Reich oder - in heutiger Diktion: Frauen wuerden in Washti ein Rollenmodell fuer die Emanzipation finden. Maenner sind unbestreitbar in hoechster Verteidigungsbereitschaft was ihren Status und ihre Ueberlegenheit angeht. Sie entscheiden sich deshalb, mit ausserordentlicher Strenge zu reagieren, um andere Frauen im Reich zu warnen, nicht Washtis Beispiel zu folgen.
1,19: Wenn es dem Koenig gut scheint, ergehe ein koenigliches Dekret von ihm und werde in den Gesetzen der Perser und Meder aufgezeichnet, so dass es nicht mehr aufgehoben werden kann, Washti duerfe nicht mehr vor Koenig Achaschwerosch erscheinen. Ihre Koenigswuerde gebe der Koenig einer anderen, die wuerdiger ist als sie!
Es scheint, nur eine Entlassung Washtis aus ihrem bisherigen Status koenne das boese Ergebnis verhindern: die Zerstoerung der maennlichen Vorherrschaft im persischen Reich. Man muss die Befehlsgewalt des Reiches gegen jene des Koenigs (1,17), die von der Befehlsgewalt Washtis in Frage gestellt wurde, gegeneinander abwaegen. Die Ruecksicht auf das Reich hat Prioritaet. Es ist offensichtlich, dass Washti bereits ihres Titels enthoben wurde, da sie nur mehr beim Namen genannt wird. Der Zweck ihrer Bestrafung ist klar: der geschrumpfte Status der Maenner muss wieder repariert werden. In einem unwiderruflichen Gesetz (1,19) wird festgelegt, wem im Reich von Persien und Medien Resepkt gezollt werden muss.
1,20: Wenn man die Verordnung des Koenigs erfaehrt, die er fuer sein Reich in seiner ganzen Ausdehnung erlaesst, werden alle Frauen ihren Eheherrn Ehre erweisen, vom Groessten bis zum Kleinsten.
Das Motiv hinter dem Gesetz scheint bereits vergessen. Washtis Handlung wird im Vers nicht mehr erwaehnt, nur der Zweck des neuen Gesetzes: die Dominanz des Mannes in seinem Heim, wozu Kultur, religioese und soziale Erziehung sowie die Kontrolle ueber die Struktur der Familie gehoeren. Die Glut, mit der anti-feministische Gesetze verabschiedet wurden und ihre Motive zeigen klar, wie bedroht der Status des Mannes in ihren Augen erschien.
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Updated: 07/02/01