Purim

Von Nisan bis Adar: Die Reise durch den juedischen Kalender



P U R I M

Purim: Koenigin Esther auf den Spuren Josefs des Weisen

Zwischen den Geschichten von Josef und Esther gibt es viele Parallelen

Die Aehnlichkeiten ergeben sich, wenn Inhalt und stilistische Eigenheiten beider Geschichten betrachtet werden. Viele der Ausdruecke und Strukturen, die in den anderen Buechern der Bibel nicht vorkommen, koennen in diesen Erzaehlungen gefunden werden. Sogar die Lebensgeschichten von Josef, Esther und Mordechai sind einander erstaunlich aehnlich.

Diese Art Parallelen in der Bibel sind nicht exklusiv diesen beiden Episoden vorbehalten: Oefter finden wir, dass stilistische Aehnlichkeiten benutzt werden, um die gleichen Aussagen zu betonen.

Der Midrasch diskutiert ausgiebig jedes Auftreten stilistischer Parallelen, und heutige Forscher haben ihre Bedeutung wieder entdeckt. Die Erklaerung variiert je nach Betrachter und Publikum, aber sie alle gewaehrleisten eine wichtige Quelle fuer das Verstaendnis des Textes.

Die erstaunlichen Parallelen zwischen der Josefs- und der Esthergeschichte sind ein Ausdruck der Tatsache, dass "die Taten der Vaeter ihren Kindern ein Zeichen sein sollen."

Stil

Der Midrasch erwaehnt die offenen stilistischen Aehnlichkeiten zwischen den Erzaehlungen ueber Josef und Esther und die Parallelen zwischen ihnen.

Ein Beispiel moege genuegen:

Rabbi Jochanan im Namen von Rabbi Binjamin bar Rabbi Levi: Die Versuchungen der Kinder Rachels sind gleichwertig und ihre Groesse ist gleichwertig. Wie es heisst in Genesis 39,10:

"Obwohl sie Tag um Tag Josef zuredete, hoerte er nicht auf sie ..."

Und in Esther 3,4:

"Als sie nun Tag fuer Tag ihm zugeredet hatten, und er nicht auf sie hoerte, ..."

Ihre Groesse ist gleichwertig, wie es heisst in Genesis 41, 42-43:

"Darauf zog der Pharao seinen Siegelring von seiner Hand und steckte ihn an die Hand Josefs, er kleidete ihn in Byssusgewaender und legte ihm die goldene Kette um den Hals. Er liess ihn auf seinem zweiten Wagen fahren und vor ihm ausrufen: Beugt die Knie! So setzte er ihn ueber das ganze Land Aegypten."

Und in Esther Kapitel acht, Verse zwei, sechs und neun:

"Der Koenig streifte den Siegelring ab, den er Haman abgenommen hatte, und gab ihn Mordechai. Esther aber bestellte Mordechai ueber das Haus Hamans."

"Denn wie koennte ich das Unheil ansehen, das mein Volk treffen wird? Wie koennte ich beim Untergang meiner Verwandten zuschauen?"

"Dann wurden die koeniglichen Schreiber zu dieser Zeit gerufen ... Nach allen Anweisungen des Mordechai wurde geschrieben ..."

[Esther Raba, Sektion VII, VIII und anderen]

Ueblicherweise liegt der Schwerpunkt des Midrasch zuerst auf den verbalen Uebereinstimmungen zwischen den beiden Episoden. Es gibt auch eine Uebereinstimmung im Kontext, aber erst, wenn die stilistischen Parallelen klar sind, koennen wir sicher sein, dass diese Objekte speziellen Nachdrucks sind. Mit anderen Worten: nur wo es ausserordentliche Aehnlichkeiten ganzer Ausdruecke oder Strukturen gibt, existieren sichere Beweise, absichtlicher Parallelen in der Bedeutung dieser beiden Geschichten.

Zum Beispiel gibt es in beiden zahlreiche Zeitbestimmungen: "Nach diesen Geschehnissen"[Genesis 40,1 - Esther 2,1]; Am dritten Tage[Genesis 40,20 und 42,18 - Esther 5,1].

Wiederholt gibt es auch Beziehungen zu Zahlen. Aber weder diese, noch Beschreibungen von Festmaehlern, [Genesis 40,20: "... veranstaltete dieser ein Festmahl fuer alle seine Hofbeamten" - Esther I,3 und II,18] von Trauerhandlungen [Und Jakob zerriss seine Kleider, legte einen Sack um seine Hueften und trauerte um seinen Sohn lange Zeit." Genesis 37,34 - "Als Mordechai alles erfahren hatte, was geschehen war, zerriss Mordechai seine Kleider und bedeckte sich mit Bussgewand und Asche." Esther 4,1] oder sogar von Schoenheit [Genesis 39,6 - Esther 2,7] oder Zaertlichkeit [Genesis 37,3 - Esther 2,17] sind wirkliche stilistische Parallelen, da sie zu allgemein sind, um eindeutig zu beweisen, dass es eine absichtliche sprachliche Aehnlichkeit zwischen Genesis und dem Buch Esther gibt.

Im Unterschied dazu, hat die Wiederholung eines Ausdruckes sehr wohl Bedeutung. Ein solcher Ausdruck wird vom oben zitierten Midrasch gebracht. Er bedeutet Widerstand in einer Zeit der Versuchung und er taucht in dieser Kombination in keinem anderen Bibeltext auf. Dasselbe gilt auch fuer die Auswahl des Midrasch aus der Menge der Beschreibungen der Uebergabe der koeniglichen Macht an den Zweiten nach dem Koenig. Dies sind nicht die einzigen exklusiven Parallelen zwischen beiden Erzaehlungen.

Zwei verblueffend identische Formulierungen in der Beschreibung von Trauer: In Genesis 43,14 heisst es: "Ich aber bin wieder kinderlos, wie ich einst ohne Kinder war." und in Esther 4,16: "Komme ich dann um, so komme ich um."

In beiden Zusammenhaengen ist eine Person [Jakob - Esther] bereit, etwas ihr Teures fuer das allgemeine Wohl zu opfern.
Genesis 44,34: "Denn wie koennte ich zu meinem Vater heimkehren ... Ich koennte das Unglueck, das ueber meinen Vater kaeme, nicht mitansehen."


Esther 8,6: "Denn wie koennte ich das Unheil ansehen, das mein Volk treffen wird? Wie koennte ich beim Untergang meiner Verwandten zuschauen?"

Auch Verse, die von der Wahl der neuen Koenigin handeln, rufen direkt Texte aus Genesis in Erinnerung:
Genesis 41,34-37: "Ferner wolle der Pharao sofort Aufseher ueber das Land bestellen und (durch sie) in den sieben Jahren des Ueberflusses vom Land Aegypten den Fuenften erheben lassen. ... Das Getreide soll als Vorrat fuer das Land dienen in den sieben Hungerjahren ... Diese Rede gefiel dem Pharao und allen seinen Dienern."
Genesis 50,3: "Darueber vergingen vierzig Tage. Denn so viele Tage nahm das Einbalsamieren in Anspruch."
Esther 2,3-4: "Der Koenig bestimme in allen Provinzen seines Reiches Beamte, die alle jungfraeulichen Maedchen von schoener Gestalt zur Burg Schuschan bringen. ... Diesen Vorschlag billigte der Koenig und handelte danach."
Esther 2,12: "denn so lange dauerten die Tage ihrer Schoenheitspflege."

Die Verwendung von sprachlichen Ausdruecken aus Genesis in der Megillah legt auf ihre Verachtung Achascheroschs und seiner Genossen eine Schichte entscheidender Ironie.

Der Status der Frau im Reich Achaschweroschs kann ebenfalls von den oben zitierten linguistischen Parallelen abgeleitet werden. Die Megillah verwendet das Wort "kavats" (gesammelt, versammelt), um zu beschreiben, wie die Frauen zu ihm gebracht werden.

Substanz

Beide Geschichten spielen in einem fremden Land: Aegypten und Persien. In beiden Faellen erreichen Juden Schluesselpositionen in einem fremden Reich: Josef und Esther. Beide beginnen diesen Weg gegen ihren Willen: Josef wird nach Aegypten verkauft, waehrend Esther in den Palast des Koenigs gebracht wird. Ihr Aufstieg zur Macht wird in dramatischen Begriffen geschildert. Nachdem sie die Spitze erreicht haben, helfen beide ihrem Volk, Israel, und retten sie vor Zerstoerung (Hungersnot, Verfolgung). Die nichtjuedischen Herrscher profitieren von ihrer Hilfe und werden in beiden Erzaehlungen vor dem Tod gerettet: Josef rettet den Pharao vor der Hungersnot, Mordechai den Perserkoenig vor dem Mordanschlag. Dieser Faktor traegt zur Macht der juedischen Figur unter dem auslaendischen Regime bei, sie wird die Zweite in der Hierarchie. (Josef, Mordechai)

In beiden Geschichten verlaeuft der Aufstieg der Juden am koeniglichen Hof fast parallel: beide ziehen die Aufmerksamketi ihrer Umwelt auf sich - anfangs durch ihre aeussere Erscheinung, ihre Schoenheit, danach wegen ihrer Intelligenz: Josef deutet Traeume, gibt Ratschlaege und verwirklicht eine gewagte wirtschaftliche Strategie - Esther findet einen aussergewoehnlichen Weg, um den Koenig zu ueberzeugen.

In beiden Geschichten spielen Kummer, Unglueck und Trauer eine Rolle (Jakob, Mordechai, das juedische Volk). Und es stellt sich heraus, dass Josef und Esther den erhoehten Status nur erhalten haben, um ihren juedischen Bruedern und Schwestern in schwierigen Zeiten zu helfen. In beiden Geschichten muessen die Hauptfiguren diskret sein, weder Josef noch Esther geben bis zum Schluss ihre wahre Identitaet preis.

Beide Erzaehlungen vergessen zeitweilig eine gute Tat: Josefs Deutung der Traeume des Ministers und Achaschweroschs Rettung vor einem Attentat durch Mordechai. Durch Schlaf (die Traeume des Pharao) oder Schlaflosigkeit (Achaschwerosch) wird an diese Taten wieder erinnert. In beiden Faellen werden Hofbeamte befoerdert: der oberste Baecker und der oberste Kellermeister durch den Pharao und die beiden Schwellenwaechter durch Achaschwerosch.

Der Zorn eines Ministers und sein Ende durch Haengen sind wichtige Elemente in beiden Handlungen (der oberste Baecker, die Palastwachen, Haman und seine Soehne).

Zusaetzlich nehmen beide Geschichten nach einem spannungsgeladenen Festmahl eine dramatische Wendung (Esther, der Koenig, Haman - Josef, die Aegypter und seine Brueder), in dem die Geladenen nicht wissen, was passieren wird, waehrend der Organisator (Josef, Esther) die Enthuellung plant.

Der Hauptpunkt jedoch ist, dass in beiden Erzaehlungen Gott die Geschichte seines Volkes Israel lenkt. Die Vorsehung verwirklicht sich nicht durch ein Wunder, sondern auf natuerlichem Weg: Esther und Josef handeln als Emissaere Gottes.

In Josefs Fall sagt die Bibel in Genesis 45,8:
So habt nicht ihr mich hierher gebracht, sondern Gott. Er hat mich zum Vater fuer den Pharao gemacht und zum Herrn ueber sein ganzes Haus und zum Gebieter ueber das ganze Land Aegypten.


In der Megillah sagt Mordechai zu Esther (4,14):
Vielmehr, wenn du dich in Schweigen huellst, wird den Juden Errettung und Befreiung von einem andern Orte erstehen. Du aber und das Haus deines Vaters werden untergehen. Wer weiss, ob du nicht gerade fuer eine solche Zeit zur Koenigswuerde emporgestiegen bist?"

Die Bedeutung beider Geschichten ist identisch: Die Offenbarung der goettlichen Vorsehung.


[Zurueck] [Weiter]

[Feste und Feiertage] [Deutsche Seiten] [Paedagogisches Zentrum]

 


The Pedagogic Center
Direktor: Dr. Motti Friedman
Web Site Manager: Esther Carciente, esthers@jajz-ed.org.il
Deutsche Seiten: Dr. Chani Hinker
Updated: 07/02/01

Terms and Conditions of Use of the Website
Copyright © 1992 - 2008 The Department for Jewish Zionist Education. All rights reserved.
The e-mail addresses @jajz are being discontinued
To Contact Us, Click and Choose Educational Helpdesk under Category