Purim

Von Nisan bis Adar: Die Reise durch den juedischen Kalender
P U R I M
Das Buch Esther und Antijudaismus
Einerseits war das babylonische Exil fuer die Juden ein aeusserst traumatisches Erlebnis. Niemand in Jerusalem haette je geglaubt, dass der Tempel zerstoert werden und Jerusalem in die Haende des Feindes fallen koennte. "Es haetten nie geglaubt der Erde Koenige und alle Weltbewohner, dass jemals Eingang faende ein Feind und Bedraenger in den Toren von Jerusalem." (Klagelieder 4,12)
Naiv hatte das Volk gedacht, wenn sie im Tempel beteten, wuerde nichts Boeses ueber sie kommen. Als Jerusalem zerstoert und das Koenigreich Juda in die Verbannung geschickt worden war, verzweifelte es.
Andererseits ist das babylonische Exil auch eine grosse Wende in der juedischen Geschichte. Die Exilierten aus Jerusalem und dem Koenigreich Juda gaben die Verehrung des Einen Gottes nicht auf, sogar als sie in Babylonien wohnten, dem Land der Goetzen par excellence. In diesem Exil entstand der Gedanke, Israel sei ein ewiges Volk, das eines Tages in sein Heimatland zurueckkehren wuerde, dessen ewige Existenz trotz aller Naturkraefte, der Sonne und dem Mond garantiert war. (Siehe Jeremias 31 und 33 sowie Jesaia 60)
Das Buch Esther ist eine historische Erzaehlung, in der berichtet wird, wie eine uebernatuerliche Kraft die Existenz Israels schuetzt. Der Erzaehler und der Leser der Megillah zweifeln nicht, die Erloesung fuer die Juden werde kommen. Es gibt auch keinen Zweifel daran, dass jeder Boesewicht, Gegner oder Feind vor Mordechai, dem Juden, fallen wird. Mehr noch, der Erzaehler glaubt, die Geschichte des Buches Esther und des Purimfestes werde das ganze Exil hindurch fuer das juedische Volk als religioeser und psychologischer Faktor fuer seine Existenz dienen, da es voll Optimismus und Hoffnung ist.
Aber das Buch Esther ist auch die klassische Geschichte, die in jeder Generation von Antisemiten und Antijudaisten benutzt wurde, um Juden anzugreifen, zu daemonisieren und zu verdammen. Die Angst vor Antisemitismus wird auch in der Gemara erwaehnt: "Esther sagte zu den Weisen: Etabliert das Fest fuer alle Zeit. Sie sagten zu ihr: Du wirst die Nichtjuden gegen uns wenden." Raschi erklaert: weil wir uns ueber ihre Niederlage freuen. (Traktat Megillah 7a)
Auch Martin Luther, der deutsche Religionsreformer, benutzte das Buch Esther auf diese Weise. In seiner Uebersetzung gibt es antijudaistische Untertoene, Luther beschreibt Esther als zu verachtende Juedin, die gierig danach sei, nichtjuedisches Blut zu vergiessen. Luther weist die Christen an, sich nicht auf Diskussionen mit Juden einzulassen, sondern ihnen zu sagen: "Weisst du, Jude, dass Jerusalem und dein Koenigreich zusammen mit dem Tempel und den Priestern vor ueber tausend Jahren zerstoert wurden? ... Das Exil zeigt, dass Gott nicht ihr Gott ist und sie nicht sein Volk. ... Durch die Zerstoerung Jerusalems zeigte Gott, dass die Verdienste der Patriarchen sie nicht retteten."
Das Hauptargument des christlichen Antijudaismus lautete: das Exil ist ewig.
Es soll darauf hingewiesen werden, dass Luther den genauen Inhalt des Buches Esther nicht verstand. Auch nicht alle Synagogengeher verstehen, dass das Vernichtungsdekret nicht aufgehoben wurde, wie Esther es wuenschte. Koenig Achaschwerosch schrieb nur ein Edikt, das er mit seinem Ring besiegelte und in dem er den Juden die Erlaubnis zusagte, sich selbst zu verteidigen.
In Wirklichkeit gab es zwischen den Juden und ihren Feinden eine Schlacht. Der Autor der Megillah war von der Kraft des Wunders so ueberwaeltigt, vor allem, dass die Juden den Feind zurueckschlugen, so fand er es nicht fuer passend ueber diese Kaempfe zu erzaehlen. Und man darf auch vermuten, dass es zu juedischen Verlusten kam. Der Erzaehler ist damit beschaeftigt, die Verluste der Feinde zu aufzulisten. In allen Laendern des persischen Reiches wurde die Schlacht an einem Tag entschieden, ausser in Schuschan, wo sie einen Tag laenger dauerte.
Der Schluessel liegt in Vers 11 des achten Kapitels: "Der Koenig habe den Juden in den einzelnen Staedten gestattet, sich zu versammeln und ihr Leben zu verteidigen, sowie alle bewaffnete Macht des Volkes und der Provinz, die sie bekaempfen sollten, samt Kindern und Frauen zu vernichten, zu toeten und zu verderben und, was zu erbeuten sei, zu pluendern."
Sie erhielten die Erlaubnis, den Feind zu schlagen. Die Worte "samt Kindern und Frauen" werden auf den Feind angewandt, der im Sinn hatte, das gesamte juedische Volk zu zerstoeren.
Unser Thema hat auch einen zeitgenoessischen Aspekt. Der deutsche Gelehrte Prof. Hans Berdteke aus Leipzig schrieb eine zusammenfassende Interpretation des Estherbuches, mit der er beabsichtigte, alle antijudaistischen Untertoene, die von Priestern und christlichen Lesern gefestigt worden waren, in Uebereinstimmung mit der Uebersetzung der Megillah zu beseitigen.
Bei einer Weltkonferenz der Evangelischen Kirche in Genf wurde eine Resolution verabschiedet, in der sich die heutigen Protestanten vom Antijudaismus Martin Luthers distanzieren. Hier folgten sie dem Beispiel der Katholischen Kirche, die im Zweiten Vatikanischen Konzil das Dokument "Nostra Aetate" herausgab, in dem die Kirche das geistliche Band, das sie mit dem Stamm Abrahams verbindet, ueberdachte.
Diese Veraenderungen in den christlichen Kirchen entstanden einerseits durch die Schrecken des Holocaust, aber auch durch die Gruendung des Staates Israel. 1600 Jahre lang hatten Christen Juden mit der Behauptung verspottet, das Exil sei ewig und definitv. Die Geschichte zeigte, dass diese Verhoehnungen jeder Grundlage entbehrten. Die wunderbare Gruendung eines souveraenen, unabhaengigen juedischen Staates im Land seiner Vorfahren nach so langer Zeit, aenderte die Einstellung der christlichen Theologie. Die wichtigsten Religionen begannen theologische Positionen, die sich ueber Jahrhunderte gehalten hatten, zu modifizieren.
Mit der Distanzierung von Luthers Antijudaismus, wie er besonders in seiner Uebersetzung und seinen Kommentaren des Estherbuches zum Ausdruck kommt, wurde Esther als religioese Geschichte mit humanitaeren Untertoenen akzeptiert, die zeigt, das die Gerechtigkeit immer ueber das Boese die Oberhand gewinnen wird.
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The
Pedagogic Center
Direktor: Dr. Motti Friedman
Web Site Manager:
Esther Carciente, esthers@jajz-ed.org.il
Deutsche Seiten: Dr. Chani Hinker
Updated: 07/02/01