Worte der Tora
Jerusalem
hatte im Herz und im Gemüt des jüdischen Volkes immer einen besonderen Platz. Eine goldene Stadt, voller Kedusha, Symbol von Frieden und Güte, Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit, eine sogar vielversprechendere Zukunft, über den Zwängen der Zeit stehend, ihr das Alter ansehend: dies sind Assoziationen mit Jerusalem. Auch andere Nationen der Erde bezaubert die Aura und das Rätsel Jerusalem und sie möchten seine Schätze teilen. Welchen "Status" hat Jerusalem?
Wir müssen uns mit zwei Problemen beschäftigen, um diese Frage zu beantworten: Die Etymologie des Namens "Jerusalem" gemäß Chazal und die erste Erwähnung Jerusalems in der Tora.
Der Midrasch (B.R.56,10) erzählt uns, daß "Jeruschalajim" - "Jerusalem" aus zwei Wörtern zusammengesetzt wurde. Der erste ("Jeru") wird von dem Namen abgeleitet, den Abraham nach der Akeda Jitzchaks dem "Harmoriah" - dem "Berg Moriah" gab (Jeruschalajim-Rashi, Bereschit 22,2): "Abraham nannte diesen Ort "Hashem Jireh" - "Gott wird sehen". Die zweite Hälfte des Namens ("Schalajim") hat ihren Ursprung bei Shem, dem Sohn Noahs, der es "Shalem" nannte.
Welche Bedeutung haben diese beiden Komponenten, die den Namen "Jeruschalajim" formen? Der Mechesch Chochma (Bereschit 22,14) detailliert diesen Midrasch: Shem, ein Überlebender der Generation, die in Korruption und moralischer Verworfenheit versank, betonte die ethischen und moralischen Werte, die er an diesem Ort reflektiert sah. Daher nannte er ihn "Schalem" - einen Platz des Friedens und der Gerechtigkeit. Abraham jedoch, der Gott unabhängig entdeckte und danach sein Leben der Lehre von Gottes Vorsehung widmete und der Notwendigkeit, seinen Geboten zu folgen, enthüllte einen anderen Aspekt Jerusalems: ein Ort, an dem sich Gott als Herr der Welt und ihr Bewahrer offenbaren wird. Beide Aspekte, der universal-ethische und der spirituell-religiöse werden in Jerusalem gefunden, daher wurden sie verbunden, um den Namen zu bilden.
Rabbiner Mordechai Breuer bemerkt die Manifestation dieser beiden Facetten in der Einführung Jerusalems in der Tora. Das erste Beispiel tritt nach Abrahams Triumph über die Könige, die Lot gefangennahmen, auf. MalkiTzedek, der Könit von Schalem (Jeruschalajim), "ein Priester des höchsten Gottes", segnet Abraham und Abraham gab ihm den Zehnten von allem, was in der Schlacht erbeutet worden war. Ein zweiter, völlig verschiedener Austausch findet dann zwischen Abraham und dem König von Sodom statt. Der König bietet Abraham die Kriegsbeute im Austausch für die Gefangenen an, die Abraham machte. Dieses Mal lehnt Abraham das Angebot unerbittlich ab und schwört: "Ich nehme keinen Faden und keinen Schuhriemen an, nichts von allem, was dir gehört." Abraham wählt Schalem - Jeruschalajim, das Frieden und Gerechtigkeit manifestiert, hohe ethische und moralische Standards, während er Sodoms Ungerechtigkeiten und Unmoral strikt ablehnt.
Abraham erfährt eine weitere Begegnung mit Jerusalem, als Gott ihn zur Akeda Jitzchaks auffordert. Dieses Mal aber betrachtet Abraham Jerusalem nicht als einen Ort universaler Werte, sondern als Platz, der Gottes spezielle Beziehung zum jüdischen Volk repräsentiert. Als er dies erkennt, nennt er den Ort "Hashem Jireh" (22,14), was bedeutet, daß Gott ihn als Wohnung wählen wird
Von Abrahams Begegnungen mit Jerusalem können wir etwas Wichtiges lernen. Es stimmt, Jerusalem ist "Schalem", die Stadt des Friedens, der Gesundheit, der Ethik und Moral, eine Stadt universaler Ansprüche. Aber ebenso vertritt Jerusalem die Botschaft von "Hashem Jireh", eine Facette, die nur das jüdische Volk schätzen und realisieren kann. es ist auffallend: als Abraham und Jitzchak ihren Bestimmungsort erreichen, wendet sich Abraham an seine Begleiter: "Bleibt mit dem Esel hier! Ich und der Junge wollen dorthin gehen ..."
Abraham fühlte, daß dieses Treffen mit Jerusalem anders verlaufen würde: das Jerusalem, das als Wohnung der Schechina im Tempel dient, ist das exklusive Erbe des jüdischen Volkes.
Es gibt einen Disput bezüglich der Kedusha Jerusalems heute. Der Rambam ist der Meinung, daß König Salomons Heiligkeitserklärung Jerusalems und des Tempels beide mit ihrer speziellen Kedusha für alle Zeiten ausstattete. Der Raavad argumentiert, daß mit der Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels auch die Heiligkeit Jerusalems aufgelöst wurde. (Hil. Bait Habechira, 6,14-15).
Der Chatam Sofer (Teshuvot Chatam Sofer, Y.D.#233, 234) wurde gefragt: Gemäß Raavad, scheint es nicht, daß Jerusalem und der Tempel ihre einzigartige Heiligkeit verloren haben? Der Chatam Sofer antwortete streng, die spezielle Kedusha Jerusalems bleibt unverändert und kann niemals entfernt werden. Der Disput zwischen dem Rambam und Raavad ist nur für bestimmte Halachot relevant, wie dem Verbot, daß eine unreine Person gewissen Plätze im Tempel betritt. Die Kedusha des Tempels, Jerusalems und Eretz Israels ist wesentlich, sie hat immer bestanden und kann niemals widerrufen werden. Die Einzigartigkeit dieser Orte ist unabhängig von einer Heiligkeitserklärung durch irgend jemanden. Lange vor der Zeit Josuas, Salomons oder Ezras opferten hier Adam und Noach, hier bot Abraham Jitzchak als Opfer dar, hier träumte Jakob den Traum von der Himmelsleiter. Dieses "Tor zum Himmel", das Jakob im Traum sah, ist Teil des Wesens des Tempels und Jerusalems. So erklärt der Chatam Sofer, die Gegenwart der Schechina wurde und wird niemals vermindert.
Der Avnei Nezer (Y.D. Teshuva #454, sec.33) folgt genau derselben Überlegung, wenn er schließt, daß es vorzuziehen ist, in Jerusalem zu leben. Auch, wenn es die Meinung gibt, daß Gebote bezüglich Jerusalem durch die Zerstörung des Tempels annulliert wurden, existiert die inherente Kedusha Jerusalems seit der Erschaffung der Welt. Jemand, der seinen Wohnsitz in Jerusalem hat, lebt im Schatten von Gottes Gegenwart. Wer könnte die Bedeutung einer solchen Gelegenheit leugnen?
Die Reise Abrahams zur Akeda Jitzchaks, die aus Jerusalem für alle Zeiten die Hauptstadt des jüdischen Volkes machte, in der sich ihre eigene Beziehung zu Gott manifestieren würde, hat eine Parallele zu einer anderen Reise, die Abraham unternahm - seine Wanderung nach Eretz Israel. Plötzlich wird Abraham aufgefordert: "Lech lecha" - GEH. Er muß seine Reise ohne klares Ziel beginnen: "El ha'aretz ascher ar'eka" - In das Land, das ich dir zeigen werde (Bereschit 12,1). Der Rambam gibt uns eine Bewertung dieser unbedingten Aufforderung an Abraham: Abraham wurde aus seinem Land, seinem Geburtsort, seinem Vaterhaus entwurzelt, "und er wanderte und reiste von einem Land zum anderen, von einem Königreich zum anderen, bis er das Land Kana'an erreichte."
Als Gott Abraham befiehlt, Jitzchak zu opfern, sagt er nochmals "WeLech Lecha", diesselbe Verbverdoppelung, um die Macht und Autorität, die in dieser Aufforderung liegt, zu betonen. Und wieder gibt Gott den Ankunftsort nicht bekannt: "Weha'alejhu Sham Le'olah al Echad Heharim Ascher Omar Ajlecha" - und bringe ihn dort auf einem der Berge, den ich dir sagen werde, als Brandopfer dar (Bereschit 22,1). Warum stellte Gott diese schwierigen und quälenden Forderungen, als er Abraham auf diese beiden Reisen schickte?
Der folgende Gemeinplatz erhellt einiges: ein Ziel wird umso wertvoller und geschätzter, wenn es nicht selbstverständlich ist. Damit Abraham die Gaben Eretz Israels und Jerusalems schätzen konnte, um die einzigartige Kedusha fühlen zu können, mußte er zuerst wandern und mit Beunruhigung seinem endgültigen Bestimmungsort entgegensehen. In diesem Zusammenhang wird Abrahams abschließende Feststellung bedeutungsvoller und schärfer: "Wajikra Shem HaMakom HaShem Jireh" - Und Abraham nannte diesen Ort "Gott wird sehen". Wie Raschi und andere erklären, bedeutet dies: "Das ist der Ort, den Gott wählen wird." An diesem Punkt schätzte Abraham vollständig die Erwählung Jerusalems als die Stadt Gottes.
Auch wir wanderten viele Jahrhunderte lang und blickten sehnsuchtsvoll auf den Tag, an dem wir nach Eretz Israel und Jerusalem zurückkehren würden, um sie in ihrem Ruhm wiederhergestellt zu sehen. Nun wurde es uns gewährt, diese heiligen, auserwählten Orte abermals in unserer Obhut zu sehen. Wir müssen für die Rückgabe dieser Schätze dankbar sein und uns auf den Tag freuen, an dem unsere Träume erfüllt werden, wenn wir die Kohanim und Leviim sehen, die im Dritten Tempel, möge er in unseren Tagen wiederhergestellt sein, ihren Dienst versehen.
Aus: "Words of Torah - A Collection of Divrei Torah
By Young Israel Rabbis" edited by Rabbi Pesach Lerner, National Council
of Young Israel; published by Jason Aronson, Inc.
Rabbi Aaron Cohen Young Israel of Fifth Avenue, NY