Jerusalem feiern

Jerusalem durch das Zeitfenster gesehen
Abraham Stahl
Jerusalem heute - Zentrum für Volk und Land
Seit die Stadt Jerusalem vor mehr als 3000 Jahren von König David eingenommen wurde, war sie das Zentrum der Existenz des jüdischen Volkes. Sogar wenn die Mehrheit der Juden im Exil lebte, blieb die Sehnsucht nach Jerusalem eine zentrale Erscheinung im jüdischen Leben. In der Geschichte Jerusalems gab es kaum eine Zeit, in der sich keine Juden hier aufhielten, obwohl es manchmal nur eine Handvoll war.
Heute, seit der Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Land und besonders seit der Wiedervereinigung Jerusalems nach dem Sechs Tage Krieg im Jahr 1967, wurde die Stadt ein wahres Zentrum für jüdische Institutionen und Organisationen. Viele verschiedene erzieherische Institutionen sind hier etabliert, vor allem solche, die sich mit jüdischer und religiöser Erziehung beschäftigen. Viele Juden aus der Diaspora besuchen als Vertreter von Organisationen Jerusalem, viele verbringen ihre Studienjahre hier. Im Einführungskapitel präsentieren wir ein Portrait des modernen Jerusalem.
Eine Wiedervereinigung in Jerusalem
Judy und Susan, zwei jüdische Mädchen, verbrachten ihre Kindheit in Johannesburg. Sie lernten gemeinsam in einer jüdischen Schule und wurden Freundinnen. Als sie das Bat Mitzwah Alter erreichten, entschlossen sich ihre Eltern, Südafrika zu verlassen. Judys Familie wanderte nach Toronto (Kanada) aus und Susans Familie übersiedelte nach Sydney in Australien. Zuerst schrieben die Mädchen einander, aber im Laufe der Zeit verloren sie den Kontakt.
Einige Jahre später kam Judy nach Israel. Es war nicht ihr erster Besuch, aber diesmal war es mehr, da sie nach Jerusalem gekommen war, um hier ein Jahr zu studieren. Ihre Eltern stimmten zu, falls sie es wünsche, könne sie ihr Studium an der Hebräischen Universität fortsetzen. Judy kam mit einer Gruppe junger Leute aus Nordamerika nach Israel. Obwohl sie mit dem Programm einverstanden war, fühlte sie sich doch einsam, da sie niemanden aus der Gruppe kannte. Bevor das Studienjahr begann, absolvierten sie einige Ausflüge. Als die Gruppe an einem heißen Sommertag im Park neben dem alten Knessetgebäude im Zentrum Jerusalems saß und Eiscreme genoß, ging eine andere englischsprachige Gruppe vorbei. Unter den jungen Frauen sah Judy ein Gesicht, das ihr bekannt vorkam. Sie schaute genauer: Susan! Die beiden Mädchen schrien vor Freude und Aufregung, umarmten sich vor Glück über das unerwartete Treffen. Sie fanden heraus, daß sie an derselben Institution studieren wollten, die junge Juden aus aller Welt ausbildet. Ungeplant trafen einander die beiden Mädchen und erneuerten ihre Freundschaft in Jerusalem.
Sammlung der Zerstreuten
Seht, oh Kinder, von fern
Stadt Zion, dein Volk lebt.
Und wenn wir auch an das Ende der Welt wandern,
Sehnen sich unsere Herzen dennoch nach dir.
Vor deinem Gipfel kamen wir zusammen
und der Bruder reichte die Hand dem Bruder.
(Saul Tschernichowsky)
Nach Jerusalem hinaufziehen - eine Erinnerung
Rachel Yana'it Ben Zwi wanderte 1908 als junge Pionierin in Palästina ein, das damals unter türkischer Herrschaft stand. Sie wurde eine führende Aktivistin in der Zionistischen Bewegung und in der Haganah, der vorstaatlichen jüdischen militärischen Organisation. Sie heiratete Jitzchak Ben Zwi, der später zum zweiten Präsidenten des Staates Israel gewählt wurde. In ihren Lebenserinnerungen beschreibt sie ihre erste Reise nach Jerusalem, die sie kurz nach ihrer Ankunft unternahm:
Lichtdurchflutete Erinnerungen an meine ersten Tage in Jerusalem erfüllen mein Herz. Ich besteige den Zug nach Jerusalem und vom ersten Augenblick an umüllt mich ein unbeschreiblich erhabenes Gefühl. Im selben Zug mit mir sitzt ein orthodoxer Jude des alten Jischuw in Jerusalem, gekleidet in sein traditionelles Gewand, daneben ein Araber, prächtig in Schwarz, mit dem Tarbusch auf dem Kopf, sein ganzes Gehabe unterstreicht seine Bedeutung ... Plötzlich wendet sich ein Jude, der hinter mir sitzt, an mich: "Warum bist du so glücklich?", fragt er. "Der Effendi fragt, warum du so glücklich bist." Er erklärt die Gründe für mein Glücklichsein dem Effendi, daß ich nach Jerusalem fahre, und jedermann weiß, daß ein jüdisches Herz glücklich ist, wenn es nach Jerusalem hinaufzieht.
(Rachel Yana'it Ben Zwi: Wir sind Einwanderer)
"Wir müßen aus Jerusalem das Zentrum des gesamten jüdischen Volkes machen ... Jerusalem war immer das Herz des jüdischen Volkes und muß es bleiben."
(David Ben Gurion)
In Erinnerung an Jerusalem
Als die Juden ins Exil gingen, entwickelten sie eine Reihe von Möglichkeiten, sich an Jerusalem zu erinnern. Im Schulchan Aruch, dem Standard Kodex der jüdischen Gesetze, finden wir:
Nach der Zerstörung des Tempels setzten unsere Weisen fest, daß wir kein Gebäude errichten sollen, das mit Bildern geschmückt ist. Wir sollen vielmehr alle Häuser mit einem einfachen Verputz und Anstrich versehen und ein kleines Quadrat gegenüber dem Eingang ohne Anstrich belassen, um an die Zerstörung des Tempels zu erinnern. Wenn ein Mann eine Frau heiratet, nimmt er ein bißchen Asche und streicht es auf seine Stirn ..., und in einigen Gemeinden zerbricht er unter der Chuppah ein Glas. ... Alle diese Maßnahmen sind zu Erinnerung an Jerusalem da, wie es heißt:
"Jerusalem, wollte ich deiner vergessen, soll verdorren meine Rechte" (Psalm 137,5)
(Schulchan Aruch, Orah Chaiim 560,1-2)
"Jeder Jude trägt sein eigenes Jerusalem im Herzen."
(Levi Eschkol)
In einem Straßencafé im Herzen Jerusalems
Vieles kann man über Jerusalem lernen, wenn man Plätze und Institutionen, archäologische Monumente und Museen besucht. Aber man kann auch viel über eine Stadt lernen - und das mit weniger Aufwand - wenn man sich für Kaffee und Kuchen in einem der Cafés in der Ben Jehuda Straße niederläßt.
Die Ben Jehuda Straße verläuft mitten im Zentrum Jerusalems. Vor einigen Jahren wurde sie für den Verkehr gesperrt und gepflastert. Sie wurde ein Einkaufszentrum und eine Fußgängerzone - auf Hebräisch "Midrachow".
Meine Frau und ich saßen hier vor einiger Zeit und beobachteten die Menschen, die pausenlos vorbeigehen: Bewohner Jerusalems und ihre Gäste, Juden und Nichtjuden, Durchschnittliche und Außergewöhnliche, alle findet man in der Midrachow. Hier eine Gruppe Schwarzer: Touristen aus Afrika? Aus den Vereinigten Staaten? Oder vielleicht neue Einwanderer aus Äthiopien? Während wir versuchen, die Antwort zu finden, gehen zwei Chassidim mit ihren langen Mänteln vorbei. Sie gehen schnell, schauen weder nach links noch nach rechts, eingetaucht in ihrer eigenen Welt. Uns gegenüber steht ein alter Mann, singend und sich selbst mit der Violine begleitend. Daneben sein handgeschriebenes Schild: "Das ist meine Arbeit". Er ist ein neuer Einwanderer, der in seinem Beruf keine Arbeit finden konnte. Und so hat er sich entschlossen, hier in der Midrachow Musik zu machen, um Geld zu verdienen. Da er das bereits seit einigen Jahren ausübt, scheint er sich etabliert zu haben. Eine Gruppe von Leuten hat sich rund um ihn gesammelt, alle tragen dasselbe T-Shirt mit einer Botschaft. Meine Frau liest die Aufschrift: "Jewish Volonteers from Canada". Zwei Polizisten stellen sich dazu. Ein Araber mit zwei Frauen geht vorbei, beide in ein langes schwarzes Gewand gehüllt und Kopftüchern. Zwei Nonnen kommen näher, auch sie in Schwarz wie die Araberinnen, aber mit großen Kreuzen um den Hals. Hinter ihnen steht eine Familie mit Kindern verschiedenen Alters, die hungrig die Pizza- und Falafelstände beäugen. Eine laute Gruppe Schulmädchen drängt in ein Juweliergeschäft. Sie schenken dem seltsamen, mageren Mann in der schlampigen Kleidung keine Beachtung. Er trägt ein Schild: Die Tora sagt: Jerusalem gehört nur dem jüdischen Volk.
In der Midrachow kann man alle Sprachen hören und Speisen aus aller Herren Länder kosten. In der Midrachow kann man jeden treffen, sogar jemanden aus Afula oder Brasilien. Vom Kaffeehaustisch kann man das Jerusalem der drei Religionen, das internationale Jerusalem und vor allem das jüdische Jerusalem in all seiner Mannigfaltigkeit sehen und fühlen.
Jerusalem im Brennpunkt der Friedensverhandlungen
Heute, wie in vielen vergangenen Zeiten, ist Jerusalem abermals das Zentrum großer Auseinandersetzungen. Seit der Unterzeichnung der Osloer Erklärung am 12. September 1993 liegt der Schwerpunkt der Diskussionen zwischen Israelis und Palästinensern auf Jerusalem.
Israel betrachtet Jerusalem als die ewige Hauptstadt des jüdischen Volkes und ist nicht bereit, es abermals geteilt zu sehen. Die Palästinenser sehen Ostjerusalem als Hauptstadt eines zukünftigen palästinensischen Staates.
Ist es Jerusalems Schicksal, das Friedenssymbol zwischen Juden und Arabern zu werden oder ein Zankapfel zu bleiben?
Es gibt keinen Ort wie Jerusalem
Es gibt keinen Ort wie Jerusalem
Stadt der Propheten und Stadt Gottes;
Du bist einzig, Jerusalem,
Herz des Heiligen Landes.
Es gibt keinen Ort wie Jerusalem
Ruhm vieler Völker.
Du bist einzig, Jerusalem,
Unsere Seele sucht dich.
Es gibt keinen Ort wie Jerusalem
Heilige Stadt aller.
Einzig bist du, Jerusalem,
Unser für immer.
(Abraham Broides)
Jerusalem hin und zurück
Joseph Pinot gehört ein Reisebüro in einer großen Stadt in Südamerika. In seiner Heimatstadt gibt es eine kleine, aber enthusiastische jüdische Gemeinde. Trotz der geringen jüdischen Bevölkerung gibt es jede Menge Aktivitäten. Und im Zentrum findet man immer Joseph Pinto und seine Frau Alice. Wir trafen Joseph in der Midrachow in Jerusalem: "Nu, Joseph, wieder in Jerusalem?"
"Ja, es scheint, daß ich immer hin und her reise. Sie sollten mich zum Ehrengast der Fluglinie ernennen. Vor drei Monaten war ich hier wegen einer Konferenz der Präsidenten jüdischer Gemeinden in Lateinamerika. Vor eineinhalb Monaten gab es eine Konferenz zur Förderung des jüdischen Tourismus. In zwei Monaten wird die Jewish Agency eine Diskussion über die Probleme in der Erziehung junger Juden abhalten."
"Und jetzt?"
"Dieses Mal begleite ich meine Frau. Sie ist die Präsidentin der Hadassah Filiale in unserer Stadt und hat hier eine wichtige Konferenz."
"Wo wohnt ihr?"
"Weißt du, wir steigen nicht mehr in einem Hotel ab. Es hat mich krank gemacht, jedes Mal wo anders. Mein Sohn hat geheiratet und ist in Israel eingewandert, er lebt in Jerusalem. Hier bin ich fast genau so viel wie zu Hause. Wir haben eine kleine Wohnung gekauft. Du kannst mir glauben, sie ist nicht oft leer!"
Das "gedrängte" Jerusalem
Bewohner und Besucher Jerusalems treffen einander oft bei den zahlreichen Ereignissen, die mit dem Status als Hauptstadt Israels verbunden sind. Viele Programme der Regierung und jüdischer Institutionen finden in Jerusalem statt. Einerseits machen alle diese Aktivitäten Jerusalem interessant, andererseits können sie auch eine Plage sein.
Wer immer das Stadtzentrum vor hundert Jahren oder so plante - und es scheint, daß es keinen Planer gab - hat sicherlich nicht erwogen, daß die Stadt Boulevards für Paraden benötigen würde, wie im antiken Babylon oder im heutigen Paris. Die enge, gewundene Jaffastraße ist weit davon entfernt, sich dem Gedränge der Aufmärsche anzupassen, die dort zu den Feiertagen aber auch unter der Woche stattfinden. Wer marschiert in Jerusalem auf? Sportorganisationen, Jugendbewegungen, Einheiten der Armee, Freunde Israels aus dem Ausland, Demonstranten für und gegen die Regierung, etc., etc., etc. Die Liste derjenigen, die nicht aufmarschieren, ist wahrscheinlich kürzer. Wenn es keine Parade gibt, ist vermutlich der Besuch eines Präsidenten, Königs oder Ministerpräsidenten der Grund, Jerusalems "Hauptschlagader" zu sperren. Wenn die Jaffastraße geschlossen ist, ist ganz Jerusalem gelähmt. Autos bleiben stehen und die Stadt verwandelt sich in einen riesigen Verkehrsstau. Die armen Polizisten arbeiten stundenlang, um die Stadt zu entwirren. Möge Gott jedem gnädig sein, der das Pech hat, zur Arbeit oder nach Hause zu fahren, wenn der Präsident von Obervolta zu Besuch kommt oder wenn die "Mütter gegen künstliche Farbstoffe in Lebensmittel" ihre Demonstration abhalten.
Wenn man Glück hat, steckt man nicht länger als drei Stunden im Stau. Beim Eingang von Jerusalem findet man immer Transparente, die die verschiedenen jüdischen und nichtjüdischen Organisationen willkommen heißen, deren Konferenzen hier stattfinden:
Jerusalem grüßt die WIZO Frauen
Jerusalem grüßt HaPo'el
Jerusalem grüßt Bnei Akiva
Den Zionistischen Kongreß
Die Weltkonferenz der Rabbiner
Die Weltunion jüdischer Studenten
Etc., etc., etc.
Ich habe mich immer gefragt, ob es im Jerusalemer Rathaus vielleicht ein Lager für alle diese Transparente gibt. Oder die Stadt hat eine kleine Gruppe stark beschäftigter Schildermaler?
Ein modernes Tora Zentrum
Wenn vor Jahren in einer jüdischen Gemeinde der Diaspora ein schwieriges halachisches Problem auftauchte, beschrieb der lokale Rabbiner das Problem in einem Brief. Wenn sich dann eine Gruppe Kaufleute aus dieser Stadt aufmachte, um in eine andere Stadt mit einer Jeschiwa zu reisen, würde ihnen der Rabbiner seine Anfrage mitgeben und auf die Antwort eines Gelehrten der Jeschiwa warten. Manchmal mußte er ein ganzes Jahr auf die Rückkehr der Kaufleute und die Antwort warten.
Heute ist Jerusalem mit seinen vielen Jeschiwot und religiösen Institutionen das internationale Tora Zentrum. Wenn ein Rabbiner irgendwo auf der Welt ein Problem hat, faxt er einen Brief oder schickt ein E-mail. Man kann sogar ein Fax oder ein E-mail in der Kotel plazieren lassen. Diese alten Steine, die so viel gesehen haben, bezeugen unsere heutigen Wunder der modernen Technologie.
Ereignisse im Leben Jerusalems
Jeder, der Jerusalem entdeckt, ist von Strukturen und Ruinen umgeben, die die reiche Geschichte der Stadt bezeugen: Tage des Ruhmes und des Zusammenbruchs, Zeiten, in denen Jerusalem das Zentrum eines jüdischen Königreiches war, und Zeiten, in denen hier kaum Juden lebten.
Neben der Knesset und dem Israel Museum, den neuen Vierteln, die die Stadt umgeben - lauter moderne Strukturen - findet man Synagogen, die vor hunderten von Jahren erbaut wurden, Kirchen jedes christlichen Bekenntnisses und zahlreiche Moscheen, Monumente, die an die Schlachten und Verluste des Unabhängigkeits- und Sechs Tage Krieges erinnern und Fundamente von Gebäuden und Straßen aus römischer Zeit. In Jerusalem gibt es geheimnisvolle Gräber von Menschen aus biblischer Zeit - Absalom, Sohn König Davids oder die Prophetin Hulda - Gräber wichtiger Persönlichkeiten jeder Generation, darunter berühmte Gelehrte aus der Diaspora - Italien, Osteuropa, Marokko, dem Jemen. Auch Theodor Herzl und Eliezer Ben Jehuda fanden ihre letzte Ruhestätte in Jerusalem.
Die Straßennamen in Jerusalem erzählen die Geschichte des jüdischen Volkes zu allen Zeiten und an allen Orten, vom Propheten Jesaja über den mittelalterlichen Bibelkommentator Nachmanides bis zu Herzl Baazov, einem ermordeten zionistischen Führer aus Georgien.
Treffpunkt für Juden aus aller Welt, Objekt der jüdischen Sehnsucht aller Generationen, kosmopolitische Touristenattraktion, Zentrum dreier Weltreligionen, Gastgeberin für Kongresse, Konferenzen, Paraden und Demonstrationen, beschäftigte, überbevölkerte Hauptstadt eines modernen Volkes und Staates, Zentrum jüdischer Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, letzte Ruhestätte zentraler Figuren der jüdischen Geschichte - Jerusalem ist größer als die Summe seiner Teile.
Wir hoffen, daß diese Seiten einen Besuch in Jerusalem anregen werden, um die ewige Hauptsstadt des jüdischen Volkes kennenzulernen.
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Updated: 24.04.2001