Die ewige Verbindung zwischen dem juedischen Volk und Jerusalem

Jerusalem im Gebet

Jerusalem in Legenden

Jüdische Pilger in Jerusalem


Die ewige Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und Jerusalem

 

aus: JERUSALEM DURCH DAS ZEITFENSTER GESEHEN

Von: Abraham Stahl

 

Das Volk weigert sich, Jerusalem aufzugeben

Die große jüdische Rebellion endete im Jahr 70 mit dem zerstörten Tempel und einem Jerusalem fast ohne Juden. Aber die Zerstörung beendete nicht die Verbindung des jüdischen Volkes mit Jerusalem. Nach kurzer Zeit versuchten die Juden, Jerusalem abermals zu erobern. Nach dem Sieg Roms brach unter der Führung des charismatischen Shimon ben Koziba - als "Bar Kochba" - "Sternensohn" wohlbekannt - eine neue Rebellion aus.

Drei Jahre lang, von 132 bis 135, dauerten die Kämpfe zwischen Bar Kochbas Männern und den römischen Armeen. Auch die Juden der von den Römern ebenfalls kontrollierten Nachbarländer unterstützten den Aufstand. Im Laufe des Krieges errang Bar Kochba für eine kurze Zeit die Herrschaft über Jerusalem, genug, um Münzen mit jüdischen Symbolen zu prägen, die er von der "Erlösung Israels" und der "Befreiung Jerusalems" an datierte. Aber die Römer entsandten starke Armeen nach Eretz Israel, denen es innerhalb von drei Jahren gelang, den Aufstand zu unterdrücken. Zuerst eroberten sie Galiläa, den Norden des Landes, und später Jerusalem. Betar, eine kleine Stadt nahe Jerusalem, diente als Festung der Rebellen und fiel zum Schluß in die Hände der Römer. Bar Kochba selbst wurde in Betar getötet.

Gemäß der Tradition wurde auch Betar - wie beide Tempel vor ihm - am Neunten Av zerstört.

Nach dem Bar Kochba Aufstand bauten die Römer Jerusalem als heidnische Stadt namens Aelia Capitolina wieder auf. Juden durften die Stadt nur am Neunten Av betreten, wenn es ihnen erlaubt wurde, die Zerstörung ihres Landes, ihrer Stadt und ihres Tempels zu betrauern.

Seit damals haben Juden auf verschiedene Weise an ihrer Verbindung mit Jerusalem festgehalten: vor allem im Gebet, in dem sie Jerusalems an Wochentagen ebenso gedenken wie an Feiertagen.


 

Das Volk bewahrt die Erinnerung an Jerusalem

  • Erbarme Dich, Ewiger, unser Gott, über Israel, Dein Volk, über Jerusalem, Deine Stadt, über Zion, die Stätte Deiner Herrlichkeit, über das Königtum des Hauses David, Deines Gesalbten, und vermehre bald die Ehre des Heiligen Hauses und tröste uns doppelt. Gelobt seist Du, Ewiger, der Jerusalem in seinem Erbarmen erbaut.
    (Tischgebet)
  • Wohne in Jerusalem, Deiner Stadt, wie Du es versprochen hast, und stelle hier den Thron Davids, Deines Dieners, wieder her, schnell in unseren Tagen. Gepriesen seist Du, Ewiger, Erbauer Jerusalems.
    (Schmone Essre, wochentags, Sefardische Tradition)
  • Eine Geschichte erzählt, daß nicht nur das jüdische Volk um den Tempel trauert, sondern auch der Tempel um das jüdische Volk. Es heißt, daß jedes Jahr am Neunten Av aus der Westmauer Seufzer aufsteigen.
    M. M. Biderman, Serid Mikdashenu [Reste unseres Tempels]
  • In verschiedenen jüdischen Gemeinden ist es Brauch, Kinot Büchlein, die am Neunten Av bei den Trauergebeten verwendet werden, auf billigem Papier zu drucken und einfach zu binden. Dieser Brauch drückt den Glauben an eine rasche Erlösung aus. Daher wäre es Verschwendung, diese Gebete in einer schönen Ausgabe herzustellen, da es für sie bald keine Verwendung mehr geben wird ...
  • Waehrend seines Rußlandfeldzuges kam Napoleon durch ein kleines jüdisches Shtetl. Er drückte den Wunsch aus, eine Synagoge zu sehen. Zufällig war es der Neunte Av. Die Juden saßen in der Dunkelheit am Fußboden und weinten und beteten. Als Napoleon erklärt wurde, dies geschehe wegen der Zerstörung des Tempels, fragte er: "Wann ist das geschehen?"
    "Vor zweitausend Jahren."
    Darauf erklärte der Kaiser: "Ein Volk, das sich an sein Land zweitausend Jahre lang erinnern kann, wird auch den Weg finden, zurückzukehren." (Erzählungen der russischen Juden; Dov Noi, Golah veEretz Yisrael)

Jerusalem und die Diaspora

In den vielen Generation, seit Bar Kochba und sein Rebellen besiegt wurden, stiegen mächtige Reiche auf und fielen wieder und erlangten und verloren die Kontrolle über Jerusalem. Die Mehrheit der Juden lebte in der Diaspora, aber es gab immer eine kleine Gemeinde im Heiligen Land und in Jerusalem.

Je nach politischer, religiöser und wirtschaftlicher Lage kannte die jüdische Gemeinde Palästinas gute und schlechte Zeiten. Es gab Zeiten, in denen die Jerusalemer Gemeindre wohlorganisiert war, mit Gelehrten, Jeschiwot und kommunalen Einrichtungen. Und es gab Zeiten, in denen kaum ein Jude in Jerusalem lebte. Aber, wie die Situation in Jerusalem oder in der Diaspora auch gewesen sein mochte, die Juden vergaßen ihre Hauptstadt und die Stätte ihres Tempels nicht. Wenn sich die Verhältnisse verbesserten, kamen Juden aus nah und fern, um sich in Jerusalem niederzulassen.

An der Westmauer konnte man immer Juden aus der ganzen Diaspora treffen: Sephardim und Aschkenasim, Juden aus Nordafrika, dem Nahen Osten, aus dem Jemen. Ihre Kleidung und ihre Sprachen mochten sich unterscheiden, aber ihre Gebete und ihr Inhalt waren gleich: sie beteten auf Hebräisch um die Wiederherstellung Jerusalems.

Die Bestrebung, nach Jerusalem "hinauf zu gehen", und die Schwierigkeiten, bei der praktischen Umsetzung dieses Traumes, schufen eine imaginäre Realität, die die tiefe emotionale Verbindung zwischen den Juden der Diaspora und ihrem geliebten Jerusalem bezeugte.


Legenden

Es gibt die weit verbreitete Legende, daß ein unterirdischer Tunnel existiert, der die Diaspora mit Eretz Israel verbindet und der sehr schnell passiert werden kann. Es gab keinen Zweifel über diesen Tunnel, sein Eingang jedoch ist schwierig zu finden. Es wird erzählt, daß Rabbi Shalom Shabbazi aus dem Jemen und Rabbi Josef Chaim aus Bagdad am Freitag Abend aus ihren Häusern verschwanden, den Schabbat in Jerusalem verbrachten und erst am Samstag Abend wieder nach Hause kamen.

Ein alter Mann war krank und seine Ärzte sagten ihm, er müsse Ziegenmilch trinken. Der Mann kaufte eine Ziege, aber eines Tages war sie plötzlich verschwunden. Ein paar Tage später kehrte sie zurück, ihre Euter voll Milch mit dem Geschmack des Paradieses. Die Ziege wiederholte dieses seltsame Verhalten von Zeit zu Zeit, bis der alte Mann zu seinem Sohn sagte: "Ich möchte wissen, wohin die Ziege verschwindet."
Der Sohn band ein Seil an den Schwanz der Ziege. Als sie zu wandern begann, hielt er sich am Seil fest und folgte ihr. Sie betraten eine Höhle und nach langer Zeit kamen sie in ein fruchtbares Land, voller Milch und Honig. Als der Sohn die Leute fragte, wo er sei, antworteten sie:
"Du bist in Eretz Israel."
Der Sohn verfasste ein Schreiben an den Vater und erzählte ihm, was geschehen war. Er schrieb, sein Vater solle sich ihm in Eretz Israel anschliessen, indem er der Ziege durch die Höhle folgte. Der Sohn befestigte den Brief am Ohr der Ziege, und sie kehrte allein nach Hause zurück. Als der alte Mann sah, daß die Ziege ohne seinen Sohn zurück kam, war er sicher, daß der Sohn getötet worden war. Als er daran dachte, der Anblick der Ziege würde ihm immer schmerzvolle Erinnerungen bringen, schlachtete er sie. Erst danach entdeckte er den Brief am Ohr der Ziege. Aber was geschehen war, war geschehen. Die Ziege war tot, und der unterirdische Tunnel nach Eretz Israel wird immer ein Geheimnis bleiben.

(Nach Shemu'el Yosef Agnon, "Die Geschichte von der Ziege")

Gäste in Jerusalem

Neben den Verbindungen mit Jerusalem, die in Legenden ihren Ausdruck fanden, gab es verschiedene greifbare Verbindungen. Reisende aus Ländern der Diaspora besuchten das Heilige Land. Pilger kamen zu den Heiligen Stätten, vor allem nach Jerusalem. Zu allen Zeiten ließen sich Menschen in der Stadt nieder und festigten so die jüdische Gemeinde.

  • Maimonides
    Rabbi Moshe ben Maimon, Maimonides, der große jüdische Gelehrte des Mittelalters, besuchte Israel im 12. Jahrhundert auf seinem Weg von Marokko nach Ägypten. Er schrieb:
". . .Wir verließen Akko [an der Mittelmeerküste Palästinas], um uns auf die gefahrvolle Reise nach Jerusalem zu begeben. Und ich betrat den Ort des großen und heiligen Tempels und betete dort am Sonntag.
Am neunten Tag des [hebräischen] Monats Cheschwan verließ ich Jerusalem in Richtung Hebron, um die Gräber meiner Vorväter [Abraham, Isaak und Jakob] in der Höhle von Machpela zu küssen. Ich legte das Gelübde ab, diese beiden Tage [als ich Jerusalem und Hebron besuchte] würden mir Feiertage sein, gewidmet dem Gebet und der Freude. Es war mir gewährt, im Heiligen Land in seiner Zerstörtheit zu beten, so möge es mir und dem ganzen jüdischen Volk gewährt sein, seine schnelle Wiederherstellung zu sehen, Amen.

(R. Eliezer Azkari, Sefer Haredim)
  • Rabbi Zekharia Ildahari
    In der Mitte des 16. Jahrhunderts bereiste der Weise Rabbi Zekhariah Ildahari aus dem Jemen das Heilige Land. Er besuchte verschiedene Städte und beschrieb später in gereimten Hebräisch seinen Aufenthalt in Jerusalem. Er schildert, wie er in den Ruinen der Stadt umherwandert und wie der um ihre Wiederherstellung betete. Hier seine Beschreibung eines Treffens mit anderen Juden am Ölberg:
". . . Und ich sah eine Gruppe von Leuten - Erwachsenen, Kindern und Greisen - unter einem Baum am Ölberg. Ich stand auf, um mich ihnen zu nähern, denn ich wollte wissen, wer sie waren." Als Rabbi Zekhariah sah, daß einige aus Gruppe nach dem Essen und Trinken zurückgingen, um Psalmen und Elegien zu rezitieren, wandte er sich an sie und sagte: "... Bereitet euch auf die schnelle Wiederherstellung seines Hauses vor, denn sie steht bevor. Bald werden wir die gute Neuigkeit unserer Erlösung vernehmen. Und so wie ihr auf seinem heiligen Berg getrunken und wegen der Zerstörung des Tempels geweint habt, so werdet ihr anläßlich seiner Wiedererrichtung trinken, wenn er wieder auf seinem Platz steht.

(Rabbi Zekhariah Ildahari, Sefer haMusar, Kapitel 22)

Von allen Ecken und Enden der Diaspora nach Jerusalem hinaufziehen

Jehuda Halevi
Andere kamen, um in Jerusalem zu leben. Der mittelalterliche Dichter Jehuda Halevi schrieb in seinem philosophischen Werk "Der Kusari" über die Bedeutung Eretz Israels für das jüdische Volk und die Verpflichtung, dort zu wohnen. In seinen Gedichten schrieb er ständig über Jerusalem. Hier sind Auszüge aus zwei davon:

Oh Schöne, Freude des Universums,
Stadt des großen Königs,
Nach dir sehnte siuch meine Seele
Von der äußersten Ecke des Westens.
Mein Herz ist im Osten,
Und ich bin in der äußersten Ecke des Westens,
Wie kann ich schmecken,
Wie kann mir etwas im Leben süß sein?

1140 ging Jehuda Halevi ins Heilige Land. Als er Jerusalem betrat, zerriß er gemäß der Tradition seine Kleidung und rezitierte eine selbstverfasste Elegie:

"Oh Zion, fragst du nicht nach deinen gefangenen Söhnen?"

In diesem Moment kam ein islamischer Zelot auf seinem Pferd vorbei. Der Mann wurde zornig, als er den Juden im tiefen Gebet versunken sah und trampelte Jehuda Halevi zu Tode.

Jerusalem Heute: Jerusalem durch das Zeitfenster gesehen: Kapitel Eins

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