Jerusalem im juedischen Bewusstsein


Jerusalem im jüdischen Bewußtsein

TISHA BE'AV - DER NEUNTE AV

Der neunte Tag des hebräischen Monats Av ist ein wichtiger Fasttag des jüdischen Kalenders. Das Volk betrauert das Datum der Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels, mit dem nachfolgenden Verlust der Souveränität über das Land und dem Beginn des Exils.

Tisha Be'av ist der Höhepunkt einer dreiwöchigen Trauerperiode. In den letzten neun Tagen werden besondere Traditionen ausgeführt, die jenen ähnlich sind, die nach dem Tod eines nahen Familienmitgliedes praktiziert werden. Diese "Drei Wochen" beginnen am 17. Tammus, dem Tag, an dem während der Belagerung die äußeren Mauern Jerusalems durchbrochen wurden. Es ist auch das Datum, an dem Moses die ersten Bundestafeln zerstörte, als er nach seinen vierzig Tagen am Berg Sinai das Volk das Goldene Kalb verehrend vorfand.

Am Neunten Av fiel die Festung Betar. Am Neunten Av begann 1492 die Vertreibung der Juden aus Spanien. Auch die ersten Deportationen aus dem Warschauer Ghetto fanden am Tisha Be'av statt.

In Israel ist der Tag durch das Schließen von Restaurants und Vergnügungsstätten am Vorabend gekennzeichnet, Lebensmittelgeschäfte öffnen nur in den Morgenstunden. Der Tag hat eine große religiöse Bedeutung. Er ist aber auch im Zusammenhang mit dem Staat und der nationalen Souveränität wichtig, egal, ob jemand fastet oder nicht.

Zu den Tradition am Neunten Av gehören das Lesen der Klagelieder, der Kinot, ein 25 stündiges Fasten und der Verzicht auf Komfort und körperlichen Kontakten. In Jerusalem strömen tausende zur Kotel, der Westmauer, dem Rest der Mauer um den Zweiten Tempel, erinnern sich an seine Zerstörung und beten um Erlösung.

DURCH DIE ZEITEN

Abraham wurde ausgesandt, seinen Sohn Isaak auf einem Berg im Land "Moriah" zu opfern, an einem Platz, der heute der Tempelberg ist. Die Akeda ist untrennbar mit der Heiligkeit dieses Ortes verbunden.

Die physische Verbindung des ganzen jüdischen Volkes mit Jerusalem wird erstmals offenbar, als König David die Stadt von den Jebusitern eroberte, den Tempelberg kaufte und Jerusalem zu seiner Hauptstadt machte.

Nach der Zerstörung des Ersten Tempels wurde die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in das babylonische Exil geschleppt, an dessen Flüssen geschworen wurde, um Zion zu weinen: "Jerusalem, wollte ich deiner vergessen, soll verdorren meine rechte. Es klebe mir die Zunge am Gaumen, sollte ich deiner nimmer gedenken; Wollte ich nicht erheben Jerusalem über all meine Freude."

Zur Zeit der Makkabäer lag das Wesen das Kampfes um Jerusalem darin, die Jüdischkeit der Stadt wieder herzustellen, die heidnischen Rituale aus dem Tempel und den Hellenismus aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Unter anderen Umständen hätte es keinen nationalen Aufstand gegen die Griechen gegeben.

Die Bedeutung Jerusalems als nationales Symbol wuchs mit den folgenden Perioden der Fremdherrschaft: während der jüdischen Rebellion und dem Bar Kochba Aufstand wurden Münzen zur Erinnerung an Jerusalem geprägt.


Erst nach der Zerstörung des Zweiten Tempels erhielt Jerusalem jene Bedeutung, die wir heute kennen: das Zentrum, um das sich jüdisches Leben dreht und auf das die nationalen Bestrebungen und messianischen Hoffnungen des jüdischen Volkes gerichtet sind.

So gibt also nicht nur eine spirituelle, sondern auch eine physische Verbindung: alle Synagogen auf der ganzen Welt sind auf Jerusalem ausgerichtet. Im täglichen Gebet wie auch im Festgebet wird Jerusalems gedacht. Die Liturgie enthält fünf Segenssprüche für Jerusalem. Viele andere Rituale in der Gemeinde und zu Hause beschreiben Jerusalem und gedenken der Heiligen Stadt.

Jerusalem ist das Hauptthema der modernen hebräischen Lyrik und der Kinot - der mittelalterlichen und neueren Trauerliturgie des Tisha Be'av. Auch ihr Schwerpunkt liegt auf Jerusalem und dem jüdischen Schicksal im Exil.

Da der Kreislauf des Lebens immer weitergeht, wurden Traditionen entwickelt, die mit Jerusalem verbunden sind und uns lehren, daß sogar Freude ohne Jerusalem nicht vollständig ist:

  • bei der Unterzeichnung eines Verlobungsvertrages wird ein Teller zerbrochen;
  • der Bräutigam zerbricht unter der Chuppah ein Glas;
  • in jedem neuen Haus bleibt ein kleiner Teil der Wand unverputzt oder unbemalt - nicht fertig.

Vielen Generationen von Juden war es unmöglich davon zu träumen, selbst in Jerusalem zi leben, sie nahmen jedoch Teil, indem sie die dort lebende Gemeinde unterstützten, Gäste aus Jerusalem beherbergten oder Geld sammelten. Dies war mehr als eine Form der Wohltätigkeit: es brachten Jerusalem zu jedem und jeden nach Jerusalem.

Das jüdische Leben in der Diaspora wäre ohne Jerusalem nicht komplett: die Hoffnung der Erlösung und der Rückkehr des Volkes nach Eretz Israel hatte ihren Schwerpunkt immer in Jerusalem. Diese Sehnsucht und diese Hoffnung werden am Neunten Av gefühlt und ausgedrückt.


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