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Jochanan Ben Zakai betrachtet die Gegenwart und bedenkt die Zukunft
Diskussion über Überlebensstrategien
Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem erforderte eine Veränderung in der Struktur des jüdischen Volkes. Die gesamte Organisation der jüdischen Welt würde von nun an völlig anders sein.
Als sich die Gelehrten und zukünftigen Führer der jüdischen Welt in Jawneh versammelten, mußten sie einen Rettungsplan ausarbeiten. Es war nicht genug, zu versuchen, einen neuen Mittelpunkt zu schaffen. Das neue Zentrum würde eine neue Richtung für das Volk formulieren müssen, um den Übergang in eine Realität nach dem Tempel zu gewährleisten.
In den folgenden Generationen begann die Option von Jawneh Wirklichkeit zu werden, und die Basis einer neuen Form des Judentums mit neuen Schwerpunkten und neuen Strategien wurde gebildet. Diese Option würde das Fundament dessen werden, was wir als "rabbinisches Judentum" bezeichnen. Es war auf einer Anzahl von Hauptideen aufgebaut:
- Die Tora soll auf einer breiten Basis verstanden werden.
Im letzten Teil der Zweiten Tempel Periode gab es verschiedene Wege des Toraverständnisses. Einige sahen sie als Anfang und Ende des jüdischen Lebens. Was immer auch in der Tora geschrieben stand, war für alle Juden bindend. Diese Gruppe - die Sadduzäer - nahm die Tora wortwörtlich. Sie spielten andere Traditionen herunter, denn in ihren Augen waren die Juden nur durch die Tora gebunden. Da die Opfer- und Reinheitsgesetze in der Tora den meisten Platz einnehmen, waren diese beiden Elemente die wichtigsten Bestandteile dieser Version des Judentums.
Es gab aber auch andere Gruppen, vor allem die Pharisäer, die die Tora anders sahen. Für sie bestand die Tora aus einer Reihe von Anleitungen, die interpretationswürdig waren, um alle Sphären des Lebens zu heiligen, wie es die Tora vorsah. Die Tora sollte jeden Aspekt des menschlichen Lebens abdecken.
Unter diesem Gesichtspunkt waren die Rabbinen von Jawneh die Erben der Pharisäer.
Von nun an wird die Tora das ganze Leben bestimmen.
- Der Gelehrte, der Toraexperte würde der Führer durch das jüdische Leben sein.
Ab jetzt war der Text die Basis des jüdischen Lebens. Um die Art und Weise zu verstehen, wie Gott die Welt wollte, wurde es notwendig, den Text er interpretieren. Die Gelehrten waren von nun an die Führer der jüdischen Welt.
- Das jüdische Leben wird nach einem detaillierten legalen oder halachischen System organisiert.
Die Gelehrten unternahmen eine detaillierte Textstudie, um die legale Basis für das strukturierte Leben zu entdecken. Das einfache Wortes der Tora enthüllte nur einen Teil seiner Bedeutung. Es war klar, daß der Text gedacht war, eine umfassende Anleitung für alle Aspekte menschlicher Aktivitäten zu geben, inklusive aller neuen Situationen, die ein veränderter Lebensstil oder eine sich entwickelnde Technologie mit sich bringen würden.Der Text wurde nach Hinweisen durchsucht, damit Vorschriften für alle Lebenslagen gemacht werden konnten.
- Das Gebet ersetzt das Opfer; die Synagoge "ersetzt" den Tempel
Das Gebet wurde das Medium zwischen Mensch und Gott. Das Gebet wurde entwickelt und standardisiert, so daß Juden auf der ganzen Welt dasselbe zur selben Zeit beteten. Die Synagoge, die bis dahin an zweiter Stelle nach dem Tempel gekommen war, wurde die zentrale Institution in der jüdischen Welt, bis in die Zeit, in der der Tempel wiedererrichtet werden wird. Rituale und andere Aspekte des Tempellebens wurden in die Synagoge ausgelagert. Bis zur Wiederherstellung des Tempels wurde der Opferdienst abgeschafft.
Alle diese Prinzipien wurden gemeinsam die Basis des neuen Weges, der sich aus den Bemühungen der Rabbinen in Jawneh und ihrer Nachfolger ergab.
Überlebensstrategien: Klarstellung von Werten
(Geeignet für Mittelstufen)
Zur Eröffnung schlagen wir eine Klarstellung von Werten vor.
- Entweder als Rollenspiel:Rabbi Jochanan Ben Zakai könnte zu den Rabbinen von Jawneh sprechen.
Oder der Gruppenleiter erklärt die Situation.
- Wer immer die Aktivität eröffnet, sollte die enorme Krise erklären, in der sich die jüdische Welt nach dem Fall des Tempels befand.
- Die Gruppe wird gebeten, eine Liste von Vorschlägen für eine neue Basis des Lebens zusammen zu stellen. Woraus sollte jüdisches Leben bestehen, nachdem der Tempel in Jerusalem nicht länger existiert? Das Ziel ist es, einen Plan zu entwickeln, durch den das Judentum gerettet wird.
- Die Gruppe erhält nun die folgende Liste mit 15 Überlebensstrategien. Es wird erklärt, daß diese Ideen von den Weisen in Betracht gezogen wurden. Die Aufgabe besteht darin, die Ideen in einen praktischen Überlebensplan für das jüdische Volk zu verwandeln.
Alle Juden auf der ganzen Welt sollen einen Eid leisten, regelmäßige Pilgerreisen nach Eretz Israel zu unternehmen, um Jerusalem wenigstens von der Ferne zu sehen.
Juden auf der ganzen Welt sollen die jüdische Gemeinde in Eretz Israel finanziell unterstützen.
Juden sollten Rituale entwickeln, um sich selbst an den Tempel und an Jerusalem zu erinnern.
Juden auf der ganzen Welt sollten regelmäßig Gebete sprechen und Lieder singen, die an den Tempel, an Jerusalem und an Eretz Israel erinnern.
Juden sollten miteinander Hebräisch sprechen.
Juden sollten regelmäßig über Judentum lernen.
Das jüdische Ritual- und Gebetssystem sollte standardisiert werden.
Juden sollten strenge Speisevorschriften entwickeln, um den Kontakt mit der nichtjüdischen Bevölkerung zu begrenzen.
Juden sollten sich von anderen Menschen verschieden kleiden, um die Unterschiede zu betonen.
Juden sollten ein starkes System von Hilfsorganisationen entwickeln, um sich aufeinander verlassen zu können.
Juden sollten weder in Eretz Israel noch in einem anderen Land in Grundstücken investieren, um nicht zu sehr an das Land, in dem sie leben, gebunden zu sein.
Juden sollten sich als im Exil lebend betrachten, ohne Unterschied, wie lange sie an einem bestimmten Ort wohnten, um ihnen klar zu machen, daß ihr Aufenthalt im Gastland temporär ist.
Juden sollten aufgefordert werden, in jüdischen Gemeinden zu leben.
Alle Juden sollten eine intensive jüdische Erziehung erhalten. Das ganze Leben hindurch soll gelernt werden.
Das Heim soll ein bedeutender Mittelpunkt des Rituals werden. Einige Zeremonien des Tempels sollten symbolisch zu Hause ausgeführt werden.
- In kleinen Gruppen sollen nun diese drei Punkte herausgesucht werden, die für einen Überlebensplan am wenigsten wichtig sind.
- Danach soll diese Auswahl erklärt werden.
- Nun werden die sechs wichtigsten Aspekte gesucht und abermals präsentiert.
- Welche drei Punkte erscheinen der Gruppe fundamental für einen Überlebensplan?
- Es sollte versucht werden, einen Gruppenkonsensus über die drei bis vier wichtigsten Punkte zu erzielen. Dieser Konsensus sollte so breit wie möglich sein.
- Die Resultate dieser Übung werden mit den Aktionen der Generation nach der Tempelzerstörung verglichen.
Hinweise für den Erzieher
Allgemein kann gesagt werden, daß die Punkte 3, 4, 6, 7, 10, 12, 14, 15 und indirekt 13 wichtige Aspekte des Systems bereits seit rabbinischer Zeit sind.
Es sollte der Gruppe erklärt werden, daß viele dieser Punkte im Laufe der Zeit Teil des jüdischen Überlebens wurden. Sie wurden nicht alle gleichzeitig verwirklicht, einige erst im Laufe von Jahrhunderten.
Die einzigen, die niemals wirklich entwickelt wurden, sind die Punkte 1, 5 und 11, obwohl es in verschiedenen Zeiten viele Menschen gab, die die Punkte 1 und 5 unterstützten. Punkt 11 entwickelte sich manchmal aus völlig anderen Gründen: entweder machten es antijüdische Gesetze unmöglich, Land zu besitzen oder Antisemitismus oder die Überzeugung, es könnte ratsam sein, das Land schnell zu verlassen.
Nummer 8 war sicherlich eine zentrale Plattform, am nicht unbedingt, um Sozialisation zu unterbinden, obwohl es auch diesen Effekt hatte.
Nummer 9 entwickelte sich an vielen Orten, aber nicht aus Gründen der Separation, obwohl es sicher von einigen so gesehen wurde.
Übersicht
Am Ende sollten folgende Fragen gestellt werden:
- Glaubt die Gruppe, daß es wichtig war, nach der Zerstörung des Tempels, des physischen Zentrums, Überlebensstrategien auszuarbeiten?
- Ist es wichtig, zentrale Punkte zu haben, welche die jüdische Welt vereinen und denen von allen zugestimmt wird?
- Was, wenn überhaupt, vereint die jüdische Welt heute?
Für jüngere Teilnehmer schlagen wir eine ähnliche Übung vor, aber mit leichteren Kategorien wie:
- Gemeinsame Sprache (Hebräisch)
- Gemeinsame Gebete
- Gemeinsame Traditionen
- Leben in Gemeinden
- Gemeinsame Erziehung
- Entwicklung der Synagoge
- Betonung jüdischer Erziehung
- Betonung des jüdischen Heimes
- Schabbat
- Kaschrut
- Wohltätigkeit
Krisen Bewältigen - Damals und Heute
(Passend für die Mittelstufe)
Wir schlagen eine Diskussion über die Ähnlichkeiten der Situation der Juden von Heute und jener der Zeit nach der Zerstörung des Tempels. Sicherlich gibt es große Unterschiede, aber es gibt auch die Ansicht, die Juden erfahren abermals eine Krise und brauchen wieder eine allgemeine Anleitung wie den Rettungsplan von Jawneh.
- Ist die jüdische Welt in einer Krise?
- Wenn ja, worin besteht diese Krise?
Danach sollte die Liste (siehe oben) in kleineren Gruppen bewertet werden.
- Wie relevant ist diese Liste heute?
- Wie viele (falls überhaupt) dieser Punkte sollten in dem Versuch übernommen werden, die zeitgenössische Krise zu lösen?
Nun schlägt die Gruppe die Basis für den neuen Überlebensplan vor. Falls es wieder eine Art Sanhedrin gäbe, der von großen Teilen der Juden akzeptiert wird, könnte die Gruppe Richtlinien für Empfehlungen vorschlagen?
Die verschiedenen Vorschläge werden zusammengefaßt und in einem Gruppenprogramm vereint. Das Programm kann die Krise der jüdischen Welt betreffen, aber auch eine Krise in der Gemeinde.
Ist die Gruppe ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, können weitere Elemente hinzugefügt werden:
- Einladung an einen Funktionärs der Gemeinde, um das Programm der Gruppe zu hören.
- Versuch, das Programm in der Gemeinde zu veröffentlichen.
- Erziehungsabende für Eltern und andere Gemeindemitglieder zum Thema: "Krise damals und heute". Vielleicht kann ein solcher Abend mit einem dramatischen Porträt der Weisen von Jawneh eröffnet werden.
Das
Pädagogik Zentrum
Direktor: Dr. Motti Friedman
Web Site Manager:
Esther Carciente, esthers@jajz-ed.org.il
Deutsche Seiten: Dr. Chani Hinker
Updated: 24.04.2001