Leopold Kohr (1909 - 1994) Leopld Kohr

Leopold Kohr (1909 - 1994)

Einsichten zum "menschlichen Maß"

Gerald Lehner

Der Philosoph und Ökonom Leopold Kohr wurde am 5. Oktober 1909 in Oberndorf bei Salzburg geboren. Er gilt als Schöpfer des populären Slogans "Small is beautiful", der eigentlich ein Buchtitel ist und von Kohrs Schüler Fritz Schumacher 1973 erstmals verwendet wurde.
Der heutigen wirtschaftspolitischen Grundlage, wonach nur ständiges Wirtschaftswachstum alle Probleme lösen könne, trat Kohr entgegen. Er forderte eine Rückkehr zum "menschlichen Maß". Kohr lieferte mit seinen Ideen viele Anregungen für die wesentlich später entstehende Grün- und Ökologiebewegung.
Seine wichtigsten Werke erschienen u.a. in Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Japanisch und Walisisch.

Das Ende der Großen

Im September 1941 erschien im New Yorker Magazin "The Commonweal" ein Artikel Kohrs mit dem Titel "Disunion Now".
Darin sprach er sich gegen nationalen Größenwahn und für ein Europa der Kantone aus, wie es die Schweiz vormache. Kohrs wesentliches Ziel ist die Zerstörung der großen Nationalismen mit friedlichen sowie ökonomischen Mitteln. Die Schweiz nahm er deshalb als Vorbild, weil dort Italiener, Franzosen, Rätoromanen und deutschsprachige Schweizer relativ friedlich leben. Einziger Grund laut Kohr: Hohes Maß an dezentraler Selbstverwaltung. Andernfalls hätten sich diese Volksgruppen längst dem nach Kohrs Meinung völlig kranken Nationalismus ihrer jeweiligen großen Nationen angeschlossen, so der gebürtige Österreicher.

Die nationalstaatlichen Einigungsprozesse der Vergangenheit hätten nur imperiale Großmächte hervorgebracht, die sich gegenseitig in den Haaren lägen, schrieb Kohr damals.
Anfang der 1950er Jahre vollendete er sein Hauptwerk "The Breakdown of Nations" (Das Ende der Großen). Erst 1957 wurde das Buch in London veröffentlicht. Ein Indiz dafür, daß Kohr mit seinen Ideen seiner Zeit weit voraus war.

Ernest Hemingway und George Orwell

The Breakdown of Nations

Die Grundlagen seines Denkens liegen im Spanischen Bürgerkrieg, wo er als Zeitungskorrespondent gegen die Faschisten Francos und die deutschen Nazis schrieb. Er teilte das Korrespondentenbüro mit Ernest Hemingway und kannte Eric Arthur Blair persönlich, den späteren "George Orwell".
Die anarchistisch-syndikalistischen Widerstandsgruppen gegen den Faschismus inspirierten Kohrs Denken entscheidend. Er wurde dadurch auch ein erbitterter Gegner von Stalinismus und Kommunismus. Spaniens Anarchisten wehrten sich in ihrem Kampf gegen Franco und Hitler auch gegen jede Form der zentralistischen Bevormundung durch Marxisten und forderten unabhängige Dörfer, Städte und Regionen.

Nach Kohrs Ansicht liegt das Wohl des Menschen nicht im permanenten wirtschaftlichen Wachstum, sondern in der Rückkehr zum "menschlichen Maß". Er behauptete, dass hinter allen Formen des sozialen Elends eine einzige Ursache stünde: etwas (Staat, Wirtschaftseinheit, Betrieb, Institution) sei zu groß geworden.
Um dies zu untermauern wies er auf die Analogie der Saurier hin, die ebenfalls an ihrer Größe zugrunde gegangen seien. Jede Vereinigung zu einer größtmöglichen Einheit sei die Vorstufe zum Verfall, so Kohr weiter.
Als Beispiel führte er bereits damals einen Vielvölkerstaat wie die UdSSR an - heute längst in kleinere Einheiten zerfallen.
Ein Staat sollte eine Bevölkerungsgröße von 12 bis 15 Millionen Menschen nicht übersteigen, denn dann würde er seine reibungslose Funktionsfähigkeit verlieren. Der Kontakt der Staatsspitze zur Bevölkerung wäre nicht mehr optimal gewährleistet.

Das "Anguilla-Projekt"

Sein Eintreten für kleine Staaten machte ihn zu einem Kämpfer für die Unabhängigkeit von Wales aber auch von Anguilla, einer kleinen Karibikinsel. Anguilla, zirka 300 km von Puerto Rico entfernt, zählte 6500 Einwohner und stand gemeinsam mit den Nachbarinseln Nevis und St. Kitts unter britischer Verwaltung. Die Inselbewohner erklärten sich 1967 unabhängig und wiesen dem britischen Gouverneur die Tür. Kohr lehrte damals an der University of Puerto Rico und sah sich berufen den Anguillanern zu helfen.

Mit Hilfe von Freunden in den USA und Kanada organisierte er eine "Staatsgründungsaktion" und machte die Weltöffentlichkeit auf die Probleme dieser Insel aufmerksam. Der Bau amerikanischer Großhotels wurde auf Kohrs anraten ebenso verhindert wie die Errichtung einer Basis für die Schiffe des griechischen Reeders Onassis.
Die Entwicklung der wirtschaftlichen Möglichkeiten sollte kleinräumig und ohne Gigantomanie erfolgen.
Das "Angiulla-Projekt" wurde allerdings nach zwei Jahren über Initiative der Regierung Wilson in London beendet. Anguilla behielt die eigene Verwaltung bekam aber wieder einen britischen Gouverneur.
1981 erlangte die Insel dann endgültig ihre Unabhängigkeit.

Kohrs Herkunft

Seine Ideen wurden von seiner Herkunft bestimmt. Auf seinen Geburtsort, den Flachgauer Ort Oberndorf, war Kohr Zeit seines Lebens stolz. Er selbst sagte, daß seine "Urbegriffe" nie global, kontinental oder österreichisch gewesen seien, sondern immer land-salzburgisch.
Seine "Urdistanz", das Maß aller Entfernungen, blieb für ihn immer jene 22-Kilometer-Einheit, die Oberndorf von der Stadt Salzburg trennt.
Gerade, weil sich Kohr seines Herkommens bewusst war und ihn dies mit Stolz erfüllte, war er kein Kleingeist, sondern ein Weltbürger.

Abenteuerliches Leben

Kohr wuchs in Oberndorf auf, besuchte hier die Volksschule und in Salzburg das Gymnasium.
In Innsbruck und Wien promovierte er in den Fächern Rechts- und Staatswissenschaften.
Nach dem Einmarsch deutscher Truppen und dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft verließ er aus politischen Gründen Österreich. Über Paris erreichte Kohr auf dem Dampfer "Bremen" 1938 die Vereinigten Staaten.
Hier half ihm der aus Oberndorf stammende Bäcker Lämmermeyer die erste Zeit zu überstehen. Kohr hatte viele Schwierigkeiten, besonders finanzieller Art, zu überwinden. Bei der schweren körperlichen Arbeit in einem kanadischen Goldbergwerk erlitt er einen Hörsturz.
Doch bald knüpfte Kohr viele Kontakte zu amerikanischen Intellektuellen und Auslandsösterreichern.

In der "Österreich-Frei-Bewegung" setzte er sich mit bürgerlichen, linksgerichteten und monarchistischen Österreichern für die Befreiung seines Heimatlandes vom Terror der in- und ausländischen Nazis ein.
Bei seinen Bemühungen um die Freiheit Österreichs verwies Kohr als einflussreicher Journalist in Nordamerika immer wieder auf das reiche kulturelle Erbe des kleinen Landes im Herzen Europas.

Mit der New York Times gegen die Nazis

Besonders zur Weihnachtszeit verwendete er dazu die Entstehungsgeschichte des Weihnachtsliedes "Stille Nacht, Heilige Nacht" aus dem frühen 19. Jahrhundert. Durch seine Artikel erfuhren viele US-Amerikaner und Kanadier, woher dieses Lied überhaupt kam, nämlich aus Kohrs Heimatgemeinde Oberndorf bei Salzburg.
Gleichzeitig machte er die kulturellen Leistungen des alten Österreich und seinen Willen zur Selbständigkeit bewusst.
Er forderte die USA zum verstärkten Kampf gegen die Nazis auf und schrieb Leitartikel für die New York Times, die Washington Post und die Los Angeles Times. Er beschrieb während des Zweiten Weltkrieges den biographischen, sozialen und ökonomischen Hintergrund Hitlers und seiner Komplizen im Detail. Kohr stammte nämlich aus einer Gegend, die von Braunau, der Geburtsstadt des obersten Massenmörders nur 30 km entfernt ist.

Heimkehr

1943 begann Kohr mit seiner Lehrtätigkeit an renommierten Universitäten in den USA, Puerto Rico und später in Großbritannien.
Die Verleihung des Alternativen Nobelpreises an Kohr im Jahre 1983 rückte ihn und seine Thesen dann verstärkt in das Bewusstsein der österreichischen Öffentlichkeit. Leopold Kohr Academy

1986 kam es in Neukirchen am Großvenediger zur Gründung der "Leopold Kohr Akademie", die sich bis heute erfolgreich um die Verbreitung von Kohrs Ideen kümmert.

Der Kontakt zu seinem Heimatort Oberndorf riss nie ab. Im Sommer 1993 beabsichtigte Kohr, nach Oberndorf heimzukehren. In der Pension "Salzachhof" in der Brückenstraße sollte eine Dachwohnung bezogen werden. Bevor er dieses Vorhaben aber verwirklichen konnte, starb er am 26. Februar 1994 in seiner englischen Wahlheimat.
Seine letzte Ruhestätte fand Leopold Kohr im Familiengrab am Oberndorfer Ortsfriedhof.

Mehr über Leben und Werk Leopold Kohrs:

  1. Lehner, Gerald: Die Biographie des Philosophen und Ökonomen Leopold Kohr. Wien 1994.
  2. Small is Beautiful: Ausgewählte Schriften aus dem Gesamtwerk. Wien 1995.

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