Natan (Anatoly) Sharansky (geb. 1948)
Es ist so schwer, durchzubrechen, die Barrieren zu entfernen, die unsere Gedanken, Worte und Taten von einander trennen.
Das ist die Bedeutung von: wirklich frei werden.
... Ich beziehe mich auf das Thema, das mich die letzten Jahre beschaeftigt hat:
was genau haelt einen Menschen davon ab, wirklich er selbst zu sein? Zuallererst
ist es Angst: Angst vor dem Unbekannten, Angst vor Verlust, sogar wenn die Groesse
des Verlustes in vielen Fallen unbedeutend ist. Das Leben oder die Gesundheit
zu verlieren; Gehaltskuerzung; die Erfahrung, dass jemandes Zuneigung schwindet:
all das funktioniert gleich. Es ist klar: wenn man einmal erfolgreich Angst bewältigt
hat, hat man ein bisschen Erfahrung gewonnen und wurde in gewisser Weise immunisiert,
wenn auch, wie ich gelernt habe, nicht gaenzlich.
Wenn man dann wieder einmal etwas zu verlieren hat, wird die Angst wegen des moeglichen Verlustes erneuert. Und man muss
sie erneut ueberwinden. Nach und nach muss man man sich von dem Sklaven, der tief drinnen versteckt ist, befreien; das ist eine Aufgabe fuer unser ganzes Leben.
(Aus einem Brief Sharanskys an seine Mutter, geschrieben im Gefaengnis am 6. Mai 1984)
Anatoly Sharansky wurde am 20. Jaenner 1948 in Donetsk geboren. Er studierte Computerwissenschaften am
Moskauer Physikalisch-Technischen Institut. "Ich war ein Bilderbuchsowjet", erzaehlte Sharansky spaeter. "Aber waehrend einer langen Wanderung mit
meinem besten Freund im Kaukasus, aergerte er sich aus irgendeinem Grund ueber mich und nannte mich einen 'Jid'. Ich glaube, damals
habe ich entschieden, das dies kein Platz fuer mich war."
Bis zum Sechs Tage Krieg gab es in Moskau eine israelische Vertretung. Aber nur wenige Juden suchten um ein
Austrittsvisum an, um in Israel einwandern zu koennen. Auswanderung aus der Sowjetunion war fuer jeden ein
schwieriges Unternehmen. Als der sowjetische Ministerpraesident Kossygin am 3. Dezember 1966 in Paris verlautbarte,
sowjetische Juden koennten, wenn sie es wuenschten, zum Zweck der Familienzusammenfuehrung nach Israel auswandern, stiegen die
Hoffnungen.
Nach dem Sechs Tage Krieg erteilte die Sowjetunion keine Ausreisegenehmigungen mehr. Aber das
Erwachen der "leisen" Juden konnte nicht mehr durch politische Entscheidungen
zurueckgenommen werden.
1973 suchte Sharansky um eine Ausreisevisum an, wurde aber - wie viele andere
- aus "Sicherheitsgruenden" abgelehnt und war nun ein "Refusnik".
Mitte der Siebzigerjahre wurde er ein Sprecher der Moskauer Dissidenten: Juden, die um die Auswanderung ansuchten und
Menschenrechtsaktivisten wie Andrei Sacharow.
Sharansky wurde immer wieder vom KGB, dem sowjetischen Geheimdienst, ueberwacht und mehrmals verhaftet.
Am 4. Juli 1974 heiratete er Avital Stieglitz, die fuer den naechsten Tag ein Ausreisevisum erhalten hatte. Avital flog am 5. Juli nach Israel voraus, in der Gewissheit,
Natan werde einige Monate spaeter nachkommen.
Natan blieb weiterhin fuer die "Refusniks" an prominenter Stelle taetig, und der KGB blieb sein staendiger Begleiter.
"Am Abend des 15. Maerz 1977, kurz nach sechs Uhr, kam ich aus einer Wohnung
und wurde in der Gorky Strasse, in der Moskauer Innenstadt, vom KBG entfuehrt
und in das Lefortovo Gefaengnis gebracht. Dort beschuldigte mich der KGB der
Spionage und des Verrates gegen die Sowjetunion, zwei Verbrechen auf die die
Todesstrafe steht. Ich verbrachte die naechsten neun Jahre im Gefaengnis und
im Arbeitslager, hauptsaechlich mit speziellen Disziplinierungsmassnahmen, darunter
mehr als vierhundert Tage in Strafzellen und mehr als zweihundert Tage in Hungerstreiks.
Waehrend der langen Monate der Vernehmungen und der Isolation vor meinem Prozess
und in allen folgenden Jahren, waren jene, die mich gefangen hielten, entschlossen,
mich zu brechen, mich dazu zu bringen, Verbrechen, die ich niemals begangen
hatte, zu gestehen. Dann wollten sie mich der Welt vorfuehren. Sie wollten mich
benutzen, um die beiden Gruppen, fuer die ich gearbeitet hatte, zu zerstoeren
- Juden, die hofften, nach Israel auswandern zu koennen und Dissidenten, die
fuer die Menschenrechte sprachen.(Sharansky in seinem Buch "Fuerchte nichts
Boeses")
Sharansky wurde das Symbol des Kampfes der Juden der Sowjetunion fuer das Recht, nach Israel auszuwandern. Er war der weltweit
bekannteste "Gefangene Zions". Vom Tag des Urteils an bereiste Avital die ganze Welt und fuehrte eine Kampagne
fuer seine Freilassung. Intensive diplomatische Anstrengungen und oeffentliche Forderungen
seiner Entlassung blieben bis 1986 erfolglos.
Am 22. Jaenner 1986 wurde Sharansky aus dem Arbeitslager nach Moskau geflogen und kam wieder in das Lefortovo Gefaengnis. Inzwischen vemehrten sich
im Westen die Geruechte, seine Freilassung stuende unmittelbar bevor.
Am 11. Februar wurde er aus seiner Zelle geholt:
"Sie nahmen mir die Kleider, Gefaengniskleider, weg und gaben mir zivile. ... Dann wurde ich zum Flughafen
gebracht und in ein Flugzeug gesetzt, begleitet von vier KGB Maennern. Wir flogen Richtung
Westen, wie ich vom Stand der Sonne bemerkte. Deshalb vermutete ich, etwas besonders
Angenehmes gehe vor sich. Ich war sehr aufgeregt. Dann, nach zwei Stunden, als es schien, es koenne nicht der Ural sein, sondern die Grenze der Sowjetunion,
begann ich, eine Erklaerung zu verlangen. Schliesslich kam einer der KGB Maenner und sagte mir, er sei berechtigt mir mitzuteilen, der Oberste Sowjet habe mir die sowjetische Staatsbuergerschaft
aberkannt, wegen meines sehr schlechten Benehmens, das die Ehre, ein Sowjetbuerger zu sein, untergraben habe.
Dann antwortete ich, ich sei vor allem aeusserst zufrieden, dass dreizehn Jahre nach meinem ersten Ansuchen, mir die sowjetische Staatsbuergerschaft abzuerkennen,
meine Bitte bereits erfuellt wurde."
Das Flugzeug landete in Ostberlin. Am naechsten Morgen wurde die Reise zur Glienicke
Bruecke fortgesetzt. Dort fand ein amerikanisch-sowjetischer Gefangenenaustausch
statt. Die USA bestand darauf, Sharansky zuerst und alleine ueber die Bruecke
gehen zu lassen, um zu betonen, dass er kein Spion war, der fuer einen anderen
Spion ausgetauscht wurde. Shchransky fuhr nach Frankfurt, wo er mit Avital wiedervereint
wurde, und flog mit ihr gemeinsam nach Israel, wo er von einer begeisterten
Menge, darunter Ministerpraesident Shimon Peres, als Held begruesst wurde.
Einen Monat, nachdem Sharansky den oben zitierten Brief an seine Mutter geschrieben hatte, erhielt er ein Ehrendoktorat von der Yeshiwa Universitaet in New York, das Avital fuer ihn in Empfang nahm:
"Anatoly, der nichts vom Gott Israels wusste, wurde in einer einsamen Zelle im Chistopol Gefaengnis zu seinem Judentum erzogen. Dort war er eingesperrt, allein mit den Psalmen Davids,
und er fand den Ausdruck seiner
innersten Gefuehle in den Liedern, die er Koenig Israels vor tausend Jahren schrieb. ... Jeder von uns muss denselben Kampf kaempfen, muss in seinem persoenlichen und kommunalen Leben fuer diesselben Ziele arbeiten:
die juedische Hingabe an die Tora staerken und an Gott, der uns den Beginn unserer Erloesung gezeigt hat: eine gestaerkte menschliche Sorge um die grundsaetzliche menschliche Wuerde."
Scharansky setzte sich sofort fuer andere Dissidenten ein und wandte dann seine
Aufmerksamkeit den Angelegenheiten der sowjetischen Juden zu.
Bei seiner Ankunft in Israel hatte er gesagt:
"An diesem gluecklichsten Tag meines Lebens vergesse ich nicht jene, die ich in den Lagern und Gefaengnissen zurueckliess, die noch immer im Exil sind oder die noch immer ihren Kampf
fuer ihr Auswanderungsrecht und ihre Menschenrechte fortsetzen."
Er wurde Vorsitzender des Zionistischen Forums, einer Organisation, die ihren Einfluss fuer die
sowjetischen Einwanderer geltend machte. 1987 spielte er vor dem zweiten Reagan-Gorbatchow Gipfeltreffen in
Washington eine zentrale Rolle in der Organisation einer grossen Friedensdemonstration.
Da er von der Integration der Masse der sowjetischen Juden enttaeuscht war, schrieb er
immer wieder ueber dieses Thema und gruendete 1995 eine neue Partei, Israel BaŽAlijah", um
die berufliche, wirtschaftliche und soziale Akkulturation der Immigranten zu unterstuetzen.
Bei den Wahlen des Jahres 1996 gewann
die Partei sieben Knessetsitze, und Sharansky wurde Minister fuer Industrie und Handel.
In der Regierung Barak war er Innenminister, trat aber aus Enttaeuschung ueber die Entwicklung der Friedensgespraeche mit den
Palaestinensern im Juli 2000 zurueck.
Nach dem Ruecktritt Ministerpraesident Baraks im Dezember 2000 und den Neuwahlen am 6. Februar 2001 wurde Nathan Sharansky in der Nationalen
Einheitsregierung unter Ministerpraesident Ariel Sharon Minister fuer Wohnungbau.
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Bearbeitung: Dr. Chani Hinker
Updated: 11/12/00